Löwenthal Fanny geb. Fellheimer
Hegelstr. 62

Fanny Löwenthal geb. Fellheimer

Löwenthal fanny PssbildFanny Löwenthal wird am 30.08.1855 in Stuttgart als Fanny Fellheimer geboren; ihre Eltern sind Naftali Fellheimer und Sidonie geb. Elsas.  Die Familien Fellheimer und Elsas sind mehrfach verwandtschaftlich verbunden.  Fannys jüngste Schwester Ida heiratet den Vetter Max Elsas aus Ludwigsburg (http://stolpersteine-ludwigsburg.de/).  Auch Lina Uhlman geborene Elsas, die Großmutter des bekannten Malers und Schriftstellers Fred Uhlman, ist eine Kusine  Eine Tochter von Fanny Löwenthal, Hedwig, heiratet wiederum Freds Onkel Oskar Uhlman, für den ein Stolperstein vor der Hölderlinstraße 57 liegt.(s. auch Familie Uhlman: Ludwig, Johanna, Oskar, Erna und Tana Hölderlinstr. 57, Fanny Löwenthal Hegelstr. 62 )

Um 1875 heiratet sie Louis Löwenthal aus Mergentheim, der in der Optikerwerk statt ihres Vaters in Stuttgart-Bad Cannstatt angestellt ist.  Sie gehen zusammen nach Odessa, wo Louis Löwenthal ein Vermögen macht, indem er die russische Armee mit optischen Instrumenten ausstattet.   Das Paar hat fünf Töchter und einen Sohn, die alle in Odessa zur Welt kommen.  Louis Löwenthal tritt aus beruflichen Gründen zum evangelischen Glauben über, auch seine Kinder werden evangelisch getauft.

Im Jahr 1891, kurz nach der Geburt der fünften Tochter Sidonie, kehrt die Familie wegen antisemitischer Pogrome im Zarenreich nach Stuttgart zurück.  Vielleicht ist Louis Löwenthal auch ernsthaft erkrankt, denn er stirbt noch im selben Jahr in Stuttgart, im Alter von nur 42 Jahren.  Fanny Löwenthal wohnt nun als „Kaufmannswitwe“ mit ihren sechs Kindern u.a. in der Schillerstraße, der Königstraße und lange in der Reinsburgstraße.  An Odessa, das südliche Klima und die kosmopolitische Atmosphäre, denkt sie immer gerne zurück.

Von 1932 bis 1934 lebt Fanny Löwenthal in Ludwigsburg bei ihrer mittlerweile verwitweten Tochter Bella Dreyfus.  Mit Bella kehrt sie 1934 nach Stuttgart zurück, in die Hegelstraße 62, zweiter Stock.  Das Haus gehört Sigwart Rost, der in der Kirchstraße als Juwelier tätig ist.  Er, ebenfalls jüdischer Bürger, kann 1941 mit seiner Frau in letzter Minute in die USA emigrieren, nachdem er bereits die Fahrkarte für die eigene Deportation bezahlt hat. 

 Als Bella im Jahr 1940 zu ihren Kindern in die USA emigriert, zieht ihre Schwester Sonja (Sidonie) mit ihrem nichtjüdischen Mann Eugen Weigold in der Hegelstraße 62 ein. Ab September 1941 muss Fanny Löwenthal den „Judenstern“ tragen.

               Hölderlin-Hegel-Straße 1930 und nach Wiederaufbau              

Hölderlin-Hegelstr. alt neu                                                           

 Bereits seit 1933 hat sie Diskriminierung,  Freiheitsbeschränkung und später auch eingeschränkte Lebensmittelversorgung zu ertragen.  Beinahe täglich erhält sie Besuch von ihrem Schwiegersohn Oskar Uhlman, Ehemann ihrer 1934 verstorbenen Tochter Hedwig.  Als Oskar im April 1942 in das jüdische „Altersheim“ Tigerfeld umziehen muss, schreibt sie ihrem Enkel Fritz: „Ein harter Schlag auch für mich, da ich gewöhnt war, ihn täglich eine Stunde abends bei mir zu haben.  Er war so mein treuester Seladon in langen Jahren u. in guten u. schlechten Zeiten.“ (13.4.42)

Als am 15. August 1942 die Aufforderungen verschickt werden, sich zum Transport nach Theresienstadt einzufinden, schreibt Oskar Uhlman seinen letzten Brief an den Sohn Fritz in der Schweiz: „Die alte, 87jährige Großmutter muss gleichfalls mit; dafür musste sie auch 87 Jahre alt werden.“

Oskar Uhlman, sein Bruder Ludwig und dessen Ehefrau Johanna (die Eltern von Fred Uhlman) werden von ihren „Altersheimen“ zur Ländlichen Gaststätte auf dem Killesberg verbracht.  Fanny Löwenthal, die herzkrank ist, soll am 22.8.42 wohl direkt zu Hause abgeholt und zum Nordbahnhof transportiert werden.  Das ist zu viel für die alte Dame; sie stirbt am späten Nachmittag an Herzschlag, wie der hinzu gerufene Arzt feststellt, wenige Tage vor ihrem 87. Geburtstag.  So findet Fanny Löwenthal noch ihr Grab auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs. Oskar und die mit ihm deportierten Mitglieder der Uhlman-Familie sterben im Laufe des Jahres 1943 in Theresienstadt.

Fannys Hinterlassenschaft wird als „volks- und staatsfeindliches Vermögen“ von der Gestapo eingezogen.  Das Haus in der Hegelstraße 62 wird am 12.8.44 durch Luftangriffe zerstört.

Von den ca. 1000 jüdischen Bürgern, meist ältere Menschen, die am 22.8.42 nach Theresienstadt deportiert wurden, haben nur einige wenige überlebt.

Sonja Weigold überlebt das Dritte Reich im Versteck bei Bauern in Tigerfeld auf der Schwäbischen Alb, notdürftig geschützt durch ihren „arischen“ Ehemann. Lange muss sie nach 1945 um die Anerkennung der materiellen Schäden (Entziehung ihres mütterlichen Erbes durch die Gestapo) und der psychischen Schäden (jahrelange Freiheits-beschränkung und Todesangst) kämpfen.  Auch für Fannys Enkel Fritz Uhlman, der aus der Schweiz nach Deutschland zurückkehrt, beginnt ein mühevoller Kampf mit den Behörden.

Recherche und Text: Susanne Stephan Initiative Stolpersteine Stuttgart-West in Zusammenarbeit mit Susanne Bouché, S-Nord (Familie Uhlman).
Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg, Stadtarchiv Stuttgart Foto und Briefauszüge von Fanny Löwenthal: privat.

 

 

 

 

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