Gustav Bechhöfer und Mathilde Bechhöfer, geborene Reinemann,
Feuerseeplatz 12, Stuttgart-West.

Gustav Bechhöfer
Geboren am 6. April 1874 in Bechhofen
Beruf: Kaufmann
Freitod: 13.November 1940 in Stuttgart

Mathilde Bechhöfer, geborene Reinemann
Geboren am 11. Februar 1879 in Crailsheim
Hausfrau
Freitod: 13.November 1940 in Stuttgart

Eheschließung am 24. Dezember 1901 in Crailsheim
Kind: Johanna, genannt Tana, geboren am 14. Juli 1903 in Göppingen

Ihre letzte Wohnung war Feuerseeplatz 12 im Stuttgarter Westen.
In den Jahren 1933 bis 1939 wohnten Mathilde und Gustav Bechhöfer im 3. Stock in einer großen Wohnung.  Im Laufe des Jahres 1939 mussten sie dieses frei gewählte Zuhause verlassen und in das sogenannte Judenhaus in der Rosenbergstraße 105 umziehen.
Um es vorwegzunehmen, dort nahmen sie sich das Leben.  Beide verstarben im Katharinenhospital in Stuttgart in der Nacht des 13. Novembers 1940.  Sie wussten oder ahnten, welche unsäglichen Dinge aufgrund ihres jüdischen Glaubens auf sie zukommen würden, und diesen wollten sie sich nicht aussetzen.

Gustav Bechhöfer kam am 6. April 1874 in Bechhofen zur Welt, in Mittelfranken, in der Nähe von Feuchtwangen und Ansbach/Bayern.  Im 18. Jahrhundert siedelte sich ein Vorfahr dort an und wählte sich in Anlehnung an den Ortsnamen diesen Familiennamen.
Die Eltern Leopold und Jette  (Jutta)  Bechhöfer hatten sechs Kinder.  Der Vater starb 1882 und die Mutter 1884, sodass Gustav mit zehn Jahren Vollwaise war.  Wo und bei wem er und seine Geschwister aufwuchsen und wann er und sein älterer Bruder Isaak  (*1870)  von Bechhofen wegzogen, konnte bis jetzt nicht ermittelt werden.
Bei der Eheschließung mit Mathilde Reinemann am 24. Dezember 1901 in Crailsheim arbeitete Gustav als Kaufmann in Göppingen.  Es ist deshalb anzunehmen, dass das Ehepaar nach der Hochzeit nach Göppingen zog, wo dann am 14. Juli 1903 die Tochter Johanna, genannt Tana, das einzige Kind, geboren wurde.  Eine Schwester Gustavs und Isaaks Bechhöfer, Ida, geboren am 9.Oktober 1877, wohnte ebenfalls in Göppingen.  Dort verstarb sie am 14. April 1903 und ist auf dem jüdischen Friedhof in Göppingen beerdigt.
Die Familie verlegte ihren Wohnsitz am 26. April 1910 von Göppingen nach Stuttgart. Zunächst wohnten sie in der Knospstraße 11 und zogen dann vermutlich 1915 in die Johannesstraße 76.  Hier blieben sie etwa 18 Jahre, bis sie in die Wohnung Feuerseeplatz 12 zogen.

Mathilde Bechhöfer, geb. Reinemann wurde am 11. Februar 1879 in Crailsheim geboren.  Ihr Vater, Adolf Reinemann, war Handelsmann  (Immobilienhändler). Die Mutter, Mathilde Reinemann, starb wenige Tage nach der Geburt der Tochter Mathilde, nämlich am 17. Februar 1879.  Drei kleine Kinder waren nun Halbwaisen. Der Vater heiratete im selben Jahr wieder, und es wurde noch eine Tochter geboren. Mathilde wuchs also in einer Familie mit vier Kindern auf und lebte bis zu ihrer Eheschließung 1901 mit Gustav Bechhöfer in Crailsheim.

Vermutlich hatte Mathilde keinen Beruf erlernt.  Die wirtschaftliche Situation ihres Vaters war wohl auskömmlich.  Die Familie lebte im eigenen Haus in Crailsheim.  Die Reinemanns waren in Crailsheim schon viele Jahre ansässig.  Auf dem dortigen jüdischen Friedhof befinden sich mehrere Gräber der Familie.


Gustav Bechhöfer war Kaufmann, und das war er sicher mit Leib und Seele.  Sein Leben war vermutlich weitgehend mit geschäftlichen Aufgaben ausgefüllt. Zusammen mit seinem Bruder Isaak betrieb er seit 1900 die Großhandlung „Gebrüder Bechhöfer“, zunächst in Göppingen, seit 1910 in Stuttgart-West  (Eintrag 1919 ins Stuttgarter Handelsregister). Die florierende Firma befand sich in der Schloßstraße 80, unweit seiner Wohnung.  Der Vertrieb lief vor allem über den Besuch bei den Kunden.  Ein angestellter Reisender berichtete später, dass bald nach der Machtübernahme (1933) die Firma boykottiert wurde.  Die Kunden erklärten bei ihren Besuchen draußen im Land, dass sie gerne bei der Firma Bechhöfer kaufen würden, aber die Verzeichnisse der jüdischen Firmen würden bei den Postämtern und Bahnhofsvorständen liegen und ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, weil sie Lieferungen von der Firma Bechhöfer erhielten.  Es bestand nun für die Firma kaum mehr die Möglichkeit, Großabschlüsse zu tätigen.  Der Reisende, der dies berichtete, schied bereits 1935 aus dem Unternehmen aus.
 
Der Mitteilhaber und Bruder, Isaak Bechhöfer, starb 1934.  Isaaks Sohn Ludwig trat nun als Gesellschafter in die Firma ein.  1938 emigrierte dieser in die USA, und Gustav Bechhöfer war nun Alleininhaber.  Die Geschäfte gingen so schlecht, dass die Firma Bechhöfer laut Handelsregisterakte auf 31.Oktober 1938 aufgelöst wurde.

Es ist anzunehmen, dass die Aufgaben in der Ehe traditionell aufgeteilt waren, sodass Mathilde Bechhöfer die häuslichen Tätigkeiten übernommen hatte.  Ob sie auch im Büro mithalf, ist nicht belegt.

Die Tochter Tana (Johanna) heiratete 1930 einen nichtjüdischen Arzt, Dr. Sevin. Dieser arbeitete in der Städtischen Hautklinik in Stuttgart.  Wegen seiner jüdischen Ehefrau hatte er während der NS-Zeit berufliche Einschränkungen zu erdulden.  Tana war durch ihren Ehemann geschützt und wurde nicht deportiert.  Nach dem 2. Weltkrieg wurde er dann Direktor der Städtischen Hautklinik in Stuttgart-Bad Cannstatt und erhielt laut Amtsblatt der Stadt Stuttgart vom 28. Januar 1965 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse vom Bundespräsidenten überreicht.

Als die Geschäfte schlecht gingen und 1938 ganz aufhörten, lebte das Ehepaar Gustav und Mathilde vermutlich von seinen Ersparnissen.
Die Tochter und auch die Schwägerin, Amalie Bechhöfer, lebten in Stuttgart Johannesstr, 44.  Vielleicht konnten sie sich gegenseitig eine Stütze sein.
Als das Ehepaar bereits mehrere Monate in der Rosenbergstraße 105, auch im Stuttgarter Westen, wohnte und für sich keinen Ausweg mehr wusste, machten sie beide ihrem Leben ein Ende.

Nach dem 2. Weltkrieg schrieb die Tochter, dass beide Eltern zum Zeitpunkt  ihres Todes kerngesund gewesen seien und Gustav Bechhöfer über ausgezeichnete kaufmännische Kenntnisse verfügte.  Sie hätten noch lange leben können, aber sie seien buchstäblich durch das Naziregime in den Tod getrieben worden.

Gustav Bechhöfer wurde 66 Jahre und Mathilde Bechhöfer 61 Jahre alt.

Recherche und Text: 2013/Margot Weiß, Stolpersteininitiative Stuttgart-West

Quellen:  Amtsblatt der Stadt Stuttgart vom 28.01.1965, Stadtarchiv Stuttgart.
Staatsarchiv Ludwigsburg, Entschädigungsakten, Handelsregisterakten.
Stadtarchiv Crailsheim, Archivar Folker Förtsch.
Stadtarchiv Göppingen (vermittelt durch Herrn Klaus Maier-Rubner).
Aron Tänzer:  Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen. Neu hg. von Karl-Heinz Rueß. Weißenhorn 1988.
Die Jüdischen Friedhöfe Jebenhausen und Göppingen.  Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen, Band 24, 1990.
Herbert Dommel, Bechhofen.
Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg, Passakten.

 

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