Amalie Bechhöfer, geborene Rosenberger
Johannesstraße 44, Stuttgart-West

Amalie Rosenberger geboren am 1. September 1877 in Eschenau.
Eheschließung am 30. Oktober 1900 in Heilbronn mit Isaak Bechhöfer, Kaufmann in  Göppingen.Bechhöfer Amalie Ausweis

Kinder:
Erna, geb. 08. August 1901 in Göppingen, ermordet am 16. September 1940 in Grafeneck.
Fritz, geb. am 20. Dezember 1902 in Göppingen, gestorben am 5. März 1905 in Göppingen.
Ludwig, geboren am 16. Dezember 1903 in Göppingen. Emigration 1938 in die USA.
Margareta, geboren am 15. März 1907 in Göppingen. 1933 Auswanderung in die USA.
             
Tod des Ehemanns am 2. Juli 1934.
Zwangsumsiedlung am 6. März 1942 nach Dellmensingen.
Deportation am 22. August 1942 nach Theresienstadt.

Gestorben am 2. März 1943 in Theresienstadt.

Die selbst gewählte langjährige Wohnung war in der Johannesstraße 44 im Stuttgarter Westen.  Dreiundzwanzig Jahre lebte Amalie Bechhöfer dort im 1. Stock, die meiste Zeit zusammen mit ihrer Familie.

Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Amalie in ihrem Geburtsort Eschenau nahe bei Heilbronn, wo bereits  im 17. Jahrhundert  Menschen jüdischen Glaubens gelebt haben.  Im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine größere jüdische Gemeinde, die während des Nationalsozialismus erlosch.  Im Schloss Eschenau allerdings wurden 1941/42 nochmals über hundert ältere Juden zwangseinquartiert, bevor sie in die Konzentrationslager deportiert wurden.

Amalies Eltern waren Rachel Rosenberger, geborene Bamberger, geboren am 6. Oktober 1852, und Salomon Rosenberger, geboren am 7. Mai 1847, beide in Eschenau.  Dort verstarb der Vater am 9. November 1886.  Sowohl die Vorfahren Rosenberger als auch Bamberger wohnten schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in diesem Ort.  1828 lebten dreiundzwanzig selbständige Israeliten in Eschenau, darunter fünf Brüder, die in diesem Jahr den Familiennamen Rosenberger annahmen.

Rachel und Samuel Rosenberger hatten fünf Mädchen.  Amalie war die Älteste.  Eine Schwester starb bereits mit zwei Jahren.  Beim Tod des Vaters 1886 war Amalie neun Jahre, die jüngste Schwester zwei Jahre alt.  Die Mutter Rachel blieb noch bis zum 16. August 1897 in Eschenau wohnen und zog dann mit den Kindern nach Heilbronn.
Um diese Zeit hatte sie noch Grundstücke in Eschenau.  Später wurden diese verkauft.  Als das älteste Kind in der Familie musste Amalie der Mutter zur Hand gehen, vor allem auch nach dem frühen Tod des Vaters.
Laut Familienregister  von Heilbronn heiratete Amalie am 30. Oktober 1900 in Heilbronn Isaak Bechhöfer, Kaufmann aus Göppingen.  Es ist anzunehmen, dass das Ehepaar dann in Göppingen seinen Wohnsitz hatte.  Dort wurden die Kinder Erna (*1901), Fritz (*1902), Ludwig (*1903) und Margareta (*1907) geboren. Fritz, das zweite Kind, starb im Alter von knapp zweieinhalb Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Göppingen beerdigt.

Der Ehemann Isaak betrieb zusammen mit seinem Bruder Gustav in Göppingen eine Textilgroßhandlung, die 1900 gegründet worden war.  Diese Firma wurde nach Stuttgart in die Schloßstraße 80 verlegt, wohin die Familie am 26. April 1910 ebenfalls zog, zunächst in der Schloßstraße 81.  Amalies Mutter, Rachel Rosenberger, zog vermutlich 1911 von Heilbronn zur Tochter nach Stuttgart.  Sie  bewohnte ein Zimmer bei der Tochter und war ihr im Haushalt behilflich.

Ab 1916/17 lebte die Familie in einer großen, gut eingerichteten Sechs-Zimmer-Wohnung in der Johannesstraße 44.  Die Baumwollwarengroßhandlung der Brüder lief gut, und die Familie hatte ein entsprechendes Einkommen, wie der Sohn Ludwig später schrieb.

Amalie Bechhöfer musste in ihrem Leben viel Leid verkraften:  Sohn Fritz starb bereits 1905 im Alter von knapp zweieinhalb Jahren.  Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Göppingen  beerdigt.  Die älteste Tochter Erna (*1901) war gesundheitlich angeschlagen und brauchte viel Aufmerksamkeit.  Häufig war sie in Krankenhäusern oder in Heilanstalten.  Auch der Ehemann war nicht immer gesund und verstarb am 2. Juli 1934 im Bürgerhospital in Stuttgart.  Amalies Mutter verstarb im März 1938 und wurde ebenfalls auf dem Pragfriedhof in Stuttgart beigesetzt.
Die jüngste Tochter Margareta hatte Medizin studiert und wanderte  bereits 1933 in die USA aus.  Der Sohn Ludwig  absolvierte eine kaufmännische Lehre und trat nach dem Tod des Vaters als Mitinhaber in die Firma Gebrüder Bechhöfer OHG ein. Ludwig übernahm damit auch Verantwortung für die Familie.  Im Mai 1938 emigrierte er in die USA.  Bald darauf wurde die Firma aufgelöst.
Es ist anzunehmen, dass Amalie Bechhöfer trotzdem finanziell gut abgesichert war. Die Tochter Erna wohnte immer wieder bei der Mutter.  Zuletzt war Erna in der Heilanstalt Rottenmünster untergebracht.  Von dort wurde sie am 16. September 1940 nach Grafeneck deportiert und am selben Tag ermordet.  Als der offizielle Sterbetag wird der 3. Oktober 1940 angegeben.

1940 musste Amalie aus ihrer langjährigen Wohnung in der Johannesstraße 44 ausziehen.  Die nun kleine Wohnung war in der Breitscheidstraße 35 (damals Militärstraße).  1941 musste sie erneut umziehen.  Die neue Adresse war das völlig überfüllte Jüdische Altersheim in der Heidehofstraße 9 im Stuttgarter Osten.  Ihr Leidensweg führte sie nun wiederum zwangsweise am 6. März 1942 nach Dellmensingen bei Ulm, wo im dortigen Schloss viele ältere jüdische  Menschen einquartiert wurden und das als „Jüdisches Altersheim“ ausgegeben worden war.

Ihre letzte Reise trat Amalie Bechhöfer am 22. August 1942 vom Nordgüterbahnhof  in Stuttgart an.  Mit über 1000 Menschen saß sie im Zug, dessen Ziel Theresienstadt, ein Konzentrationslager nördlich von Prag, war.  Nur noch einen Koffer durfte sie dorthin mitnehmen.
Am  2. März 1943 verlor Amalie Bechhöfer in Theresienstadt ihr Leben.  Ob sie verhungerte, erfror oder an einer Krankheit starb, wir wissen es nicht.
Sie wurde 65 Jahre alt.

Tochter Margarete kam nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück und lebte in Leipzig. Sohn Ludwig starb im Juli 1967 in den USA.

Recherche und Text: Initiative Stolpersteine Stuttgart-West, 2013/Margot Weiß.

Quellen:  Stadtarchiv Stuttgart, Staatsarchiv Ludwigsburg (Entschädigungsakten).
Joachim Hahn: Friedhöfe in Stuttgart – Pragfriedhof.
Stadtarchiv Eschenau/Obersulm (vermittelt von Martin Ritter).
Stadtarchiv Göppingen (vermittelt von Klaus Maier-Rubner).
Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Familienregister der Stadt Heilbronn).
Die Jüdischen Friedhöfe Jebenhausen und Göppingen; Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 24, 1990.  Bild: Staatsarchiv Ludwigsburg, Passakten.  

 

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