Klara Levy
Hangleiterstr. 3

Von Klara Levy kennen wir heute nur einige Eckdaten und winzige Details, die zusammen getragen ein relativ unscharfes Bild ergeben.
Am 28. Oktober 1869 wird Klara Levy in Nürnberg geboren.  Von ihrer Herkunftsfamilie ist nichts bekannt.  Verheiratet mit einem reichen Kaufmann, bringt sie im Alter von 21 Jahren ihre erste Tochter zur Welt.  Später bekommt sie eine weitere Tochter.  1918, Klara Levy ist gerade 48 Jahre alt, stirbt ihr Mann.  Möglicherweise ist er ein Opfer des ersten Weltkriegs.  Da sie nie einen Beruf ausübt und bis an ihr Lebensende nicht erneut heiratet, dennoch eine sehr vermögende Frau ist, ist anzunehmen, dass sie von ihrem Mann viel erbt, bzw. aus einer wohlhabenden Familie stammt.
Sie zieht 1935 nach Stuttgart.  Längst leben Juden keinen normalen Alltag mehr.  Schon seit 1933 erhalten einige  jüdische Ärzte und Anwälte in Stuttgart Arbeitsverbot.  Am Eberhard-Ludwig-Gymnasium dürfen jüdische Schüler ihre Schule nicht mehr besuchen.  In der Stadt tauchen vor Restaurants und Geschäften Schilder auf, die Juden für unerwünscht erklären.  1935 gibt es erste Verurteilungen gegenüber Juden wegen sogenannter „Rassenschande“.
Vielleicht ist einer der Gründe ihres Umzugs, dass eine ihrer Töchter mit ihren drei Kindern (21, 20 und 13 Jahre alt) schon in Stuttgart lebt.  Sie wohnen im Kaisemer 25, also in der unmittelbaren Nähe zu Klara Levys neuer Wohnung.Levy Klara Wohnhaus Hangleiterstr. 3
Gemeinsam mit ihrer aus Memmingen stammenden Haushälterin, Else Ritter, die sie schon seit sieben Jahren beschäftigt, zieht sie in die geräumige Erdgeschosswohnung der Hangleiterstraße 3. Dieses große und schöne Haus mit Blick auf die Stadt, entworfen von dem Architekten Albert Hangleiter, war nach langem Hin und Her der Stuttgarter Baubehörden,  u. a. wegen der schwierigen Hanglage, zu diesem Zeitpunkt gerade fertig gestellt.  Aus den Archivakten geht hervor, dass es Klara Levy an Besitz nicht fehlt.  Wertvolle Möbel, kostbares Silber und Porzellan gehören ebenso dazu, wie Unmengen von teurer Bettwäsche und einer kleinen Bibliothek.
Nur vier Jahre lebt sie dort.  Es ist ihr letzter frei gewählter Wohnsitz.  Denn ab August 1939 müssen alle Juden in eine Wohnung in jüdischem Besitz ziehen.  Klara Levy zieht gemeinsam mit Else Ritter und einem kleinen Teil des Hausrats am 24.November 1939 in den ersten Stock der Gaußstraße 28 um.  Der Umzug kostet sie 299 RM.  Das vorgeschlagene Trinkgeld zahlt sie nicht. Davor wird sie gezwungen einen großen Teil ihres Besitzes für nur wenig Geld an die Gestapo zu verkaufen.  Ein Teil davon wird an den Althandel weiterverkauft, ein anderer in Zuffenhausen eingelagert.
Weshalb ist sie nicht vor Kriegsbeginn, als die Ausreise noch möglich war, zusammen mit ihren Enkeln in die USA emigriert?  Sind die Töchter, die beide vor ihr sterben, zu diesem Zeitpunkt noch am Leben?  Was hat sie bewegt hier zu bleiben?
Klara Levy  zieht  Mitte Juli 1941 ohne Else Ritter, die ihre Stellung am 1. Juli 1941 aufgeben muss, in ein anderes  „Judenhaus“  in der damaligen Kasernenstraße 13, 3.Stock (heute Leuschnerstraße).  Klara Levy ist 72 Jahre alt, als sie am 6. Mai 1942 nach Buchau eingewiesen wird.  Dasselbe Schicksal teilen 56 andere, alte und schwache Juden, für die Buchau eine Durchgangsstation in das Konzentrationslager ist.  Zu diesem Zeitpunkt haben die Nazis ihr praktisch jeglichen Besitz genommen.  Darunter auch ihren Brillantschmuck und Wertpapiere, die später in der Wiedergutmachungs-Akte in Höhe von 335.619,29 DM angegeben werden.  Zusätzlich wurde sie gezwungen einen Heimeinkaufsvertrag für Theresienstadt in Höhe von 80.400 RM zu bezahlen.
In Buchau leben sie eng gedrängt in nur wenigen Häusern.  Wie muss sich Klara Levy nach drei erzwungenen Umzügen in nur drei Jahren, schweren Abschieden und menschenunwürdiger Behandlung fühlen?  Und was erlebt sie in den letzten, wenigen Monaten, die sie in Buchau verbringt? Mit 1077 Anderen wird sie am 20. August 1942 über das Sammellager Killesberg nach Theresienstadt deportiert.  Weiß sie von ihrem Enkel Gerald Elsas, der zur gleichen Zeit Charlotte Wallenstein aus Ulm in New York heiratet?  
Klara Levy stirbt am 3.Januar 1943 im Alter von 73 Jahren in Theresienstadt.

Recherche und Text:  Rahel Jung, Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord in der Geschichtswerkstatt S-Nord (www.stolpersteine-stuttgart.de), c/o Jupp Klegraf, Wartbergstraße 30, 70191 Stuttgart.
Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg, Stadtarchiv Stuttgart, Internet.

 

 

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

Unerwünscht

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im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

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