Susanne Rosenthal
Werastr. 9

Rosenthal Susanne FotoAm 7. März 1910 wurde in Dresden Susanne Rosenthal geboren, die 1927 als Balletttänzerin unter dem Künstlernamen >Suse Rosen< am Stuttgarter Theater eine hoffnungsvolle Laufbahn begann.  Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 von den Nazis verjagt.  Zwar konnte sie der direkten Verfolgung entkommen und den Holocaust außerhalb Deutschlands überleben, aber die Emigration bedeutete für die 23-jährige Künstlerin zugleich das Ende ihrer beruflichen Zukunft und kulturellen Verwurzelung.  Keiner der Nachbarstaaten gewährte der Geflüchteten zunächst dauerhaften Schutz, und nur eine 1936 in der Schweiz geschlossene Scheinehe verhinderte ihre Auslieferung.  Hier schlug sie sich vorwiegend mit Hilfsarbeiten durch und wanderte schließlich 1955 zu Verwandten in die USA aus.  Nach einem mehrjährigen Prozess erhielt sie 1963 im Rahmen der Gesetze zur Wiedergutmachung zwar eine finanzielle Entschädigung, aber die schreckliche Vergangenheit hatte ihre psychischen und physischen Spuren hinterlassen:  Suse Rosen, die um 1930 von einem Journalisten noch als  „gelenkige und hübsche kleine Tänzerin mit eigenartigem Reiz“  bewundert worden war, starb bereits 1968.
Susanne Rosenthal hatte seit 1925 Unterricht bei der damaligen ersten Solotänzerin an der Deutschen Oper in Berlin, Lina Gerzer (1897 - 1989).  Lina Gerzer wurde ab Herbst 1927 Ballettmeisterin in Stuttgart und vermittelte ihrer offenbar sehr geschätzten 17jährigen Berliner Schülerin eine Anstellung bei den Württembergischen Landestheatern.  Suse Rosen war noch minderjährig und erhielt anfangs eine Jahresgage von 1750 Mark.
Erstmals ist von Rosen am 4. November 1928 in der Süddeutschen Zeitung die Rede, wonach sie in einer Tanzpantomime  „mit Lust bei der Sache“  gewesen sei.  Nach der Uraufführung von Hugo Herrmanns Kammeroper  „Gazellenhorn“  am 20. März 1929 wird ihr dann aber bescheinigt, die erotische Rolle der 13-jährigen Fürstentochter Santa äußerst überzeugend verkörpert, sich dabei  „lockend  (und wie!)“  dem umworbenen Knaben genähert und vor ihm getanzt zu haben,  „bis ihm schier die Sinne vergehen“.  Im Spätherbst 1929 tanzte sie die Bauchtanznummer in Friedrich von Flotows  „Fatme“,  in deren  „Mittelpunkt die traumzarte, leichte Elfenbeingestalt der Suse Rosen stand“.
Von antisemitischen Hassparolen blieb auch der kulturelle Bereich nicht verschont.  Nachdem Suse Rosen bisher ein positives Presseecho erhalten hatte, änderte sich nun der Ton.  Über die Operette  „Das Lied der Liebe“,  Erstaufführung am 4. November 1932 in Stuttgart, ereiferte sich der  „NS-Kurier“  nicht nur über die  „jüdische Schlafzimmerpoesie“  des Textes, sondern griff die Darstellerin des Hotelstubenmädchens Tini gehässig als  „Das üble Spiel und der ordinäre Tanz Suse Rosens“  an.  Nach der Nazi- „Machtergreifung wurde am 27. März der bisherige Generalintendant Albert Kehm durch den Parteigenossen Otto Krauß ersetzt, und am 20. April fand als  „Höhepunkt“  des neuen braunen Feiertagskalenders eine  „Festvorstellung zum Geburtstag von Adolf Hitler“  mit Beethovens  „Fidelio“  statt.  Kurz darauf wurden an alle Theatermitarbeiter Fragebogen verteilt, in denen sie sich auch zu ihrer rassischen Herkunft äußern mussten.  Es folgte am 15. Mai eine unscheinbare Postkarte, mit der Suse Rosen zum 30. Juni gekündigt wurde.
Im Winter 1933/34 trat sie in den Beneluxstaaten als Tänzerin  „in Caba-rets und Nachtlokalen“  auf, doch die Verträge seien nie „länger als 14 Tage“ abgeschlossen worden,  „da sich überall Arbeitsschwierigkeiten für deutsche Nichtarier ergaben.“  Danach versuchte sie es in der Schweiz, musste aber wegen zunehmender Erkrankung das Tanzen aufgeben und betätigte sich notgedrungen als Haushaltshilfe.  Um die Schweizer Staats-bürgerschaft zu erhalten, ging sie 1936 eine Scheinehe ein, die 1943, wie vereinbart, geschieden werden sollte.  Doch jetzt  „bedrohte mich mein Mann, die Wahrheit über den Charakter unserer Ehe auszusagen“,  falls sie deren Vollzug weiterhin ablehnte.  „Derartige Namensehen wurden seinerzeit in der Schweiz streng geahndet“,  und nur einer geschickten Prozessführung sei es zu verdanken,  „dass meine Ehe nicht aberkannt, sondern rechtskräftig geschieden wurde“.
Die Nachricht von der Vergasung ihrer Mutter und Schwester in Bergen-Belsen versetzte ihr 1943 den schrecklichsten Schlag  (der Vater war bereits 1926 verstorben).
1963, nach einem mehrjährigen Prozess erhielt sie in Deutschland  im Rahmen der Gesetze zur Wiedergutmachung eine kleine finanzielle Entschädigung.  In Deutschland wollte Rosen nicht bleiben.  Sie zog nach Locarno und leitete dort in der wenigen ihr noch verbleibenden Zeit eine kleine Herberge.
Am 14. Februar 1968 ist Susanne Rosenthal gestorben,  „eine ungewöhnlich begabte und deshalb auch sehr geschätzte Tänzerin“,  wie ihr einstmaliger Chef Albert Kehm urteilte.
Ihrer soll hiermit gedacht werden.Rosenthal Susanne

Stolpersteinverlegung: bearbeitet und betreut:
Klaus Steinke und Andreas Langen, Initiative Stuttgart – Mitte
Finanzierung und Pate des Gedenksteines: Roland Bock, Ostfildern.
Quelle, gekürzt:
https://www.esslinger-zeitung.de/lokal/kultur/schaufenster/Artikel527912

 

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Stuttgarter
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