Henriette Hilda Ostertag, geb. Heymann

Hilda Ostertag wurde am 11.09.1886 in Wiesbaden als Henrietta Hilda Heymann geboren. Im Familienregister der Stadt Stuttgart ist im Band 140 auf Seite 597 vermerkt, dass sie am 14.03.1908 den Kaufmann Julius Ostertag heiratete, der am 08.04.1874 in Cannstatt geboren wurde. Ihr Mann Julius stammte wie sie aus einer jüdischen Familie und war kaufmännischer Direktor der in der Wolframstraße 50 ansässigen Firma Philipp GmbH, einer Ingenieurfirma.
Am 08.06.1909 brachte Hilda ihren Sohn Bernhard Karl Felix (Bernd) und ein Jahr später, am 11.10.1910 ihren Sohn Carl-Heinz zur Welt.
Ostertag HildaWo Hilda und Julius Ostertag gewohnt haben, lässt sich noch aus den jährlichen Adressbüchern der Stadt Stuttgart erschließen, in denen der Name des „Haushaltungsvorstands“ verzeichnet ist. 1907 wohnt Julius Ostertag in der Landhausstraße. Ab 1910 lebte die junge, bereits vierköpfige Familie in der Hölderlinstraße 4, ab 1915 in der Hohenzollernstraße 19, ab 1920 in der Johannesstraße 69. Im Jahre 1928 erwarb Julius Ostertag, so ist es im Grundbuch vermerkt, das Wohnhaus mit Anbau, Hofraum und „Lustgarten“ in der Relenbergstraße 74.
Die Firma Philipp GmbH war ein erfolgreiches Unternehmen, das durch Wasseraufbereitungsanlagen Gemeinden im In- und Ausland mit sauberem Trinkwasser versorgte. Ausgestattet mit einem Grundkapital von 150.000 Reichsmark (RM) gehörte die Firma zu einem Viertel Julius Ostertag, zu einem weiteren Sechstel dem Rechtsanwalt Benno Ostertag - wahrscheinlich einem Verwandten - sowie drei weiteren Besitzern.
In den Zwanziger Jahren musste Julius beruflich häufig im europäischen Ausland unterwegs sein, denn in den noch vorliegenden Passunterlagen finden sich zahlreiche Einreisestempel. Seine Frau Hilda und die heranwachsenden Kinder nahmen an einigen Reisen in die Schweiz, nach Italien und in die USA teil. 1929 verließ der jüngere Sohn Carl-Heinz das Elternhaus, um in Paris und Wien zu studieren. Der ältere Sohn Bernd wanderte 1931 nach Südafrika aus.
Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten am 30.01.1933 begann Hitler am 04.02.1933 damit, über die „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ die Grundrechte einzuschränken, die Parteien und Gewerkschaften zu entmachten, den Föderalismus aufzuheben um so die NS-Herrschaft zu sichern. Mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 01.04.1933 begann die Diffamierung der jüdischen Mitbürger. Durch ein Bündel von Gesetzen sorgten die Nationalsozialisten für die soziale, rechtliche und wirtschaftliche Diskriminierung der Juden. Davon waren auch sicherlich die Eheleute Ostertag betroffen.
Der Nationalsozialismus wirkte sich auf die Philipp GmbH im doppelten Sinne ungünstig aus: Im Ausland fehlte das Vertrauen für weitere Geschäfte mit der gut eingeführten Firma, und das Inlandsgeschäft mit einzelnen Städten und Gemeinden wurde durch den Umstand beeinträchtigt, dass sie einen jüdischen Geschäftsführer und jüdische Mitbesitzer hatte.
Am 30.06.1936 waren Julius und Benno Ostertag im Zuge der „Arisierung“ jüdischer Betriebe gezwungen, ihre Eigentumsrechte an der Philipp GmbH für 62.000 RM an Hans Hermannsdörfer sowie an Marianne und Eugen Bucher zu verkaufen. Letztgenannter war Mitglied der NSDAP und hatte eine führende Stellung im Reichsarbeitsdienst inne. Es wurde behauptet, dass Julius Ostertag mit einem rumänischen Geschäftspartner, der Zahlungen an ihn zurückhielt, gemeinsame Sache mache, um dieses Geld nach seiner Auswanderung zum Aufbau eines neuen Geschäfts zu nutzen. Ihm wurde mit der Verhaftung gedroht, wenn er nicht die Geschäftsführung sofort niederlege und seine Anteile verkaufe.
Am 14.08.1937 starb Julius Ostertag im Alter von 63 Jahren in Taormina/Provinz Messina, Italien.
Im Frühjahr 1938 mussten alle Juden ihr Vermögen anmelden, soweit es mehr als 5.000 RM betrug. Nach der Ermordung des Botschaftssekretärs Ernst von Rath in Paris und den folgenden November-Pogromen in Deutschland wurden am 12.11.1938 Verordnungen über „Sühneleistungen“ der Juden erlassen, nach denen sie zunächst 20% und später sogar 25% ihres Vermögens an das Reich abzuführen hatten. Zusätzlich wurde am 21.02.1939 eine Anordnung erlassen, nach der die Stuttgarter Juden alle Wertsachen aus Gold, Silber und Platin sowie alle Edelsteine bei der Stuttgarter Pfandleihe abliefern mussten. Frau Ostertag folgt dieser Anordnung und lieferte am 11., 13. und 14.02.1939 das Tafelsilber, Silberbesteck, Armbanduhr und Schmuck bei der Städtischen Pfandleihe ab.
Am 28.02.1939 verkaufte sie Haus und Grundstück in der Relenbergstraße 74 für 53.000 RM an die evangelische Diakonissenanstalt. Nach den geltenden Gesetzen wurde die Summe auf ein Sperrkonto überwiesen, über das sie nicht frei verfügen konnte. Im Juli veräußerte sie die Einrichtung des Herrenzimmers ihres verstorbenen Mannes und weiteres Mobiliar, weil sie nach England auswandern wollte. Vor der Aushändigung eines Reisepasses musste aber das Finanzamt noch bestätigen, dass sie die „Reichsfluchtsteuer“ gezahlt habe. Deshalb überwies sie am 28.08.1939 die geforderten 30.300 RM auf ein weiteres Sperrkonto; doch war es jetzt bereits zu spät, denn vier Tage später begann der Krieg in Polen. Pässe zur Ausreise und Visa zur Einreise in ein anderes Land wurden nur noch in wenigen Fällen ausgestellt.
Hilda Ostertag wohnte ab 1940 Im sonnigen Winkel 15 bei Frau Maja Sick zur Untermiete. Aus diesen Monaten stammt auch der einzige persönliche Bericht einer Zeitzeugin zu Ihrer Person: Frau Nathan, die Tochter von Gertrude Nast-Kolb, einer Schwester von Frau Maja Sick, beschreibt Hilda Ostertag als sehr liebenswürdige und gebildete, kunstsinnige und musikbegeisterte Frau, die Klavier und Orgel spielte.
Am 24.04.1942 musste sich Hilda Ostertag mit 346 anderen Juden in der ländlichen Gaststätte auf dem Killesberg einfinden. Sie musste für 50 RM eine einfache Fahrkarte dritter Klasse kaufen. Alle Opfer dieser Deportation wurden am frühen Morgen des 26.04.1942 in einem Zug vom inneren Teil des Stuttgarter Nordbahnhofs aus nach Izbica transportiert. Dort wurde auch Hilda Ostertag ermordet.
Am 10.06.1942 hatte die Geheime Staatspolizei der Commerzbank Stuttgart eine Verfügung zugestellt, nach der das restliche Vermögen von Hilda Ostertag an das Deutsche Reich fallen sollte.
Kurz nach dem Krieg beauftragten Bernd und Carl-Heinz Ostertag den Rechtsanwalt Benno Ostertag, der den Holocaust überlebt hatte, mit Nachforschungen zum Tod ihrer Mutter, um Anträge auf Wiedergutmachung stellen zu können. Durch Beschluss des Amtsgerichts Stuttgart (GR2538/47) vom 03.10.1947 wurde Hilda Ostertag für tot erklärt.
Bernd Ostertag
Bernd, der 1938 Bürger der südafrikanischen Union wurde, lebte während des Krieges in Johannesburg. Bei seiner Einbürgerung hatte er den Nachnamen Osborg angenommen. Anfang der fünfziger Jahre wanderte er in die USA ein und lebte zunächst in Oklahoma. In den sechziger Jahren wohnte er in der Gegend von Fundy, Nova Scotia in Canada. Aus den Spuren im Internet lässt sich nachvollziehen, dass er promovierte, an einem Buch zur Vermeidung von Selbstmorden in Kanada mitwirkte und Bischof der kanadischen Liberal Catholic Church war. Nach seiner Pensionierung war er ein besonders aktives Mitglied von Amnesty International in Canada. Die letzten Einträge im Internet zu seiner Person datieren aus dem Jahr 2002.
Carl-Heinz Ostertag
Ebenso wie seine Mutter muss auch Carl-Heinz Ostertag ein sehr kunstsinniger Mensch gewesen sein. Nach dem Abitur studierte er 1929/30 Kunstgeschichte an der Sorbonne in Paris. In den folgenden zwei Jahren setzte er seine Studien an der Universität Wien fort und besuchte das Max Reinhardt Seminar, um Tanz, Schauspiel und Bühnenbild zu studieren. Zunächst erhielt er ein Anfangsengagement als Schauspieler an die Volksbühne in Berlin. Anfang 1933 ging er nach Paris und Straßburg, kehrte aber wegen des Deutschenhasses in Frankreich nach Deutschland zurück. Er besuchte dann die Gartenbauschule in Hamburg, wanderte 1935 nach Luxemburg aus, wo er als Dienstknecht in der Landwirtschaft arbeitete. Er entschloss sich dann 1936 nach Spanien zu gehen, wurde dort vom Bürgerkrieg überrascht und kehrte Ende 1936 nach Stuttgart zurück. Von der Gestapo wurde er aufgefordert, Deutschland innerhalb von acht Tagen zu verlassen. Er wanderte nach England aus und schloss sich dort einer Schauspielertruppe an, die klassische deutsche Dramen an englischen Schulen aufführte. Mitte 1939 reiste er über New York in die USA ein, wo er zunächst als Koch und Gärtner arbeitete. Vom Frühjahr 1941 bis Januar 1942 absolvierte er seinen Wehrdienst in der US-Armee. Anschließend arbeitete er beim Office of War Information (OWI) als Produzent von Radioshows für „Voice of America“, ab 1944 in London und Luxemburg. Mit diesem Hintergrund wird er einer der beiden ersten Leiter des Draht-Funks im amerikanischen Sektor von Berlin, später RIAS genannt. Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er in San Francisco, New York und Hollywood als Film- und Fernsehautor und später als Galeriedirektor. Er studierte Kunstgeschichte und hielt Vorträge und Seminare über Kunst und Tanz. Im Internet finden sich seine Spuren in Form von Briefen, die ihm Vicki Baum, eine Ende der zwanziger Jahre gefeierte jüdische Schriftstellerin (Roman „Menschen im Hotel“, verfilmt mit Greta Garbo), in den Jahren 1955 bis 1960 geschrieben hatte. Danach muss er ein enger Vertrauter der Schriftstellerin gewesen sein. Carl-Heinz Ostertag starb am 21.08.1999 in New York.

Recherche und Text: Dr. Andreas Jacobi; Im Schüle 36A, 70192 Stuttgart, T. S-2578889. E-mail: ancobian@gmail.com.
Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord in der Geschichtswerkstatt S-Nord (www.stolpersteine-stuttgart.de), c/o Jupp Klegraf, Wartbergstraße 30, 70191 Stuttgart.
Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg, Stadtarchiv Stuttgart, Internet.

Der Gedenkstein für Hilda Ostertag wurde von Gaby Nathan, geborene Nast-Kolb, gestiftet.

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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