Ehepaar Sigmund Bernheimer und
Ida Bernheimer, geborene Levinger.
Reinsburgstraße 187, Stuttgart-West.

Sigmund BernheimerBernheimer Sigmund
Geburt: 19. Oktober 1869 in Stuttgart.
Beruf: Kaufmann.
Deportation: 22. August 1942 nach Theresienstadt.
Tod: 3. Mai 1943 in Theresienstadt.

Ida Bernheimer, geborene Levinger.
Geburt: 28. Februar 1878 in München.
Beruf: Unbekannt/Hausfrau.
Deportation: 22. August 1942 nach Theresienstadt.
„Nach dem Osten“ 16. Mai 1944 nach Auschwitz.
Tod: Auf 8. Mai 1945 für Tod erklärt.

Eheschließung: 12. August 1909 in Zürich.
Kind: Lilli Karoline, geboren am 30. August 1910 in Stuttgart.

Ida Levinger und Sigmund Bernheimer heirateten am 12. August 1909 in Zürich/Schweiz. Dies war seit 1905 der Wohnsitz von Ida. Sie war bei der Eheschließung 31 und Sigmund 40 Jahre alt.

Das Paar zog nach Stuttgart in die Wohnung in der Weimarstraße 3. Dort wohnten schon seit 1900 Sigmund Bernheimers Eltern, Karoline und Leopold (Löw) Jonas Bernheimer - und vermutlich auch Sigmund selbst. Seine Mutter war 1906 verstorben. Der Vater hatte seit seinem Umzug 1863 oder 1864 von Buttenhausen, seinem Geburtsort, nach Stuttgart ein eigenes Geschäft. Zunächst firmierte er mit Band- und Seidenwarenhandlung, dann mit Band- und Modewarenlager oder Putz- und Agenturgeschäft. 1900 hieß die Firma L.J. Bernheimer, Agenturgeschäft, Weimarstraße 3. Mit Textilien hatte die Firma jedoch immer zu tun.

Buttenhausen und Bernheimer: Bereits 1796 kam der Vorfahr Leopold (Löw) Bernheimer auf Grund des Judenschutzbriefes, den der damalige Freiherr von Liebenstein 1787 ausgestellt hatte, nach Buttenhausen. Aus dieser Ahnenreihe ging der berühmte Kommerzienrat Lehmann Bernheimer (1841-1918) hervor. Dieser ging als Stoffhändler nach München und gründete dort das bekannte Kunst- und Auktionshaus Bernheimer. Er stiftete in Buttenhausen eine Realschule für Juden und Christen, die „Bernheimer Realschule“. Heute befindet sich darin ein Museum. Sigmund Bernheimers Vater war der Vetter von Lehmann Bernheimer.

Als Sigmund Bernheimer 1869 geboren wurde, wohnte die Familie in der Grabenstraße. Es gab mehrere Umzüge, aber die Wohnung und das Geschäft blieben immer in der Innenstadt von Stuttgart. Ob außer Sigmund noch andere Kinder in der Familie waren, konnte nicht ermittelt werden. Sigmund erlernte den Beruf des Kaufmanns, wie sein Vater. Vielleicht arbeitete er zusammen mit seinem Vater. Vermutlich war die Agentur des Vaters ein Handelsunternehmen und der Verkauf lief über Märkte, Besuche bei Handwerkern oder in Privathaushalten. Nach dem Tod des Vaters 1916 taucht das Agenturgeschäft Bernheimer nicht mehr in den Adressbüchern der Stadt Stuttgart auf. Es ist also anzunehmen, dass Sigmund Bernheimer für andere Firmen als Kaufmann unterwegs war. Aus Unterlagen des Passamtes ist zu entnehmen, dass er auf seinen geschäftlichen Reisen auch im angrenzenden Ausland tätig war. Die Familie Sigmund Bernheimer hatte jedoch immer dieselbe Telefonnummer wie die Firma des Vaters Leopold Jonas Bernheimer.

Ida Levinger wurde als sechstes von acht Kindern am 28. Februar 1878 in München geboren. Bernheimer Ida LilliDie Eltern Max und Babette Levinger hatten 1870 in Fürth geheiratet. In den Jahren 1872 bis 1883 wurden die Kinder geboren, fünf Buben und drei Mädchen. Das jüngste Kind, Klara, starb mit acht Jahren. Die Familie Levinger zog häufig um. Idas Vater war Kaufmann und das Zuhause der Familie war München. Ob Ida einen Beruf erlernen konnte, wissen wir nicht, auch nichts über ihr Leben während ihrer Kinder- und Jugendzeit. Sicherlich gab es in der großen Familie immer Arbeit und auch Spielkameradinnen und -kameraden.

                                                                            Fotos Staatsarchiv Ludwigsburg, oben: Sigmund Bergheimer
                                                                            unten: Mutter Ida mit Tochter Lilli Karoline Bergheimer (um 1917)

1895 erhielt der Erstgeborene, Adolf, einen Reisepass für Amerika. Idas zwei Jahre ältere Schwester Rosa verheiratete sich 1897 nach Zürich. Auch zog der ein Jahr älteren Bruder Emil nach Zürich. Am 2. Juni 1900 starb der Vater Max Levinger. Dann zogen 1905 die Mutter Babette und Ida nach Zürich, vermutlich zu der dort verheirateten Tochter und Schwester Rosa                                      

Die Mutter Babette starb 1908 in Zürich. Ein Jahr später heiratete Ida Levinger Sigmund Bernheimer. Wie und wo die beiden sich kennenlernten, wissen wir nicht.

           
Das Paar wohnte von 1910 bis 1933 oder 1934 in der Weimarstraße 3. Die Tochter Lilli wurde geboren, der Vater Sigmunds starb. Der 1. Weltkrieg war durchzustehen. Sigmund wurde 1914 fünfundvierzig Jahre alt, und es ist anzunehmen, dass er nicht in den Krieg ziehen musste. 1918 erbat Sigmund bei der Königlichen Stadtdirektion Stuttgart, Passabteilung, eine Reisegenehmigung für seine Frau, um die 8-jährige Tochter aus Zürich abzuholen. Dort hatte diese bei Idas Schwester einen längeren Kuraufenthalt verbracht. Später erlernte Lilli den Beruf einer Erzieherin.

1933 oder 1934 zogen die Bernheimers in den zweiten Stock der Reinsburgstraße 187 im Stuttgarter Westen. Da war Sigmund 64 Jahre und Ida 55 Jahre alt. Die Tochter Lilli wohnte sicher seit 1935 oder 1936 wieder bei den Eltern. Von da an beschäftigte sie sich mit kunstgewerblichen Handarbeiten, sicherlich um etwas Geld zu verdienen, weil sie in ihrem erlernten Beruf nicht mehr arbeiten durfte.

Als die Beeinträchtigungen für die jüdische Bevölkerung immer schlimmer wurden, stand fest, dass Lilli in die USA emigrieren würde. Vier Umzugskisten wurden gepackt und über Hamburg auf den Weg in die USA geschickt. Lilli reiste im Frühjahr 1939 über Le Havre aus. Sie erreichte die USA, aber die Umzugskisten kamen nie dort an. In Hamburg wurden die Kisten zwar eingeschifft, aber das Schiff musste zurück in den Hafen. Sie wurden etwas später nach Genua verschickt und sollten von dort aus in die USA kommen. In Genua aber sind diese Kisten verschollen. Das Tragische daran war, dass sich wertvolle Gegenstände in ihnen befanden, wie zum Beispiel eine Briefmarkensammlung des Vaters Sigmund Bernheimer. Lilli (jetzt Lilian) schreibt in den Entschädigungsakten etwa folgendes:
Bereits mit 16 Jahren habe ihr Vater mit Briefmarkensammeln begonnen. Er sei ein unendlich sorgfältiger und gründlicher Mensch und begeisterter Markensammler gewesen. In 50 bis 55 Jahren habe er ständig systematisch die Sammlung vergrößert. Einmal habe er ihr eine Marke gezeigt, die er damals auf einen Wert von RM 2000,- einschätzte.

Die Sammlung sollte bei der gelungenen Emigration von Sigmund und Ida Bernheimer in die USA zum Lebensunterhalt beitragen. Zu dieser Auswanderung oder Flucht in die USA kam es nicht mehr, obwohl die Tochter 750,-- US-Dollar für die Einwanderungspapiere bezahlt hatte.

Ida Bernheimers Bruder Emil musste 1939 aus seiner Wohnung in der Rötestraße (Stuttgart-West) ausziehen. Er zog zu den Bernheimers in die Reinsburgstraße 187. Emil war Anfang der 20er Jahre nach Stuttgart gekommen und heiratete 1922 eine nicht jüdische Frau. 1939 wurde diese Ehe geschieden. Die Ehefrau Martha nahm wieder ihren alten Familiennamen an und wohnte noch viele Jahre in der ursprünglich gemeinsamen Wohnung.
Das Ehepaar Bernheimer musste 1940 in die Reinsburgstraße 206 (wahrscheinlich ein sogenanntes „Judenhaus“) umziehen und wurde dann im Frühjahr 1942 nach Oberdorf am Ipf zwangsevakuiert. Auch Emil Levinger zog mit in das Haus Nr. 206. Er starb im Februar 1942 an einer Lungenentzündung im Katharinenhospital in Stuttgart.

Am 22. August 1942 saßen Ida und Sigmund Bernheimer dann in dem Transportzug XIII/1, der mit weiteren über 1000 Menschen vom Stuttgarter Nordbahnhof in das Konzentrationslager Theresienstadt abging. Die Ehepaare waren dort getrennt untergebracht. Wer in Theresienstadt keine Lebensmittelpakete bekam, konnte kaum überleben. Vielleicht erhielten Ida und Sigmund von Verwandten in der Schweiz Lebensmittelpäckchen.
Sigmund Bernheimer starb am 3. Mai 1943 in Theresienstadt. Dort kamen die Menschen an Erschöpfung, Hunger, Drangsalen und daraus resultierenden Krankheiten um. Vielleicht ist er verhungert oder an einer Krankheit verstorben. Ida Bernheimer war nun allein, vielleicht hatte sie Kontakt zu anderen Stuttgarter Frauen? Dann war da immer die Angst, auf einen „Osttransport“ zu kommen. Genaues über diese „Osttransporte“ wussten die Deportierten in Theresienstadt nicht.
Am 16. Mai 1944 war Ida Bernheimer dann zu einem solchen Transport, der nach Auschwitz ging, eingeteilt. Dort verliert sich ihre Spur.
Beim Amtsgericht Stuttgart wurde sie auf den 8. Mai 1945 für tot erklärt. Ida wurde 66 Jahre und Sigmund 74 Jahre alt.

Die Tochter Lilli/Lilian Bernheimer lebte in Chicago/Illinois in den USA und starb dort im Alter von 100 Jahren am 3. November 2010.

Recherche: Frühjahr 2012, Margot Weiß, Stolpersteininitiative Stuttgart-West.

Quellen:
Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Digitale Jüdische Familienregister Buttenhausen ca.1820-1940.
Staatsarchiv Ludwigsburg: Entschädigungsakten.
Stadtarchiv Stuttgart: Adressbücher, Deportationslisten, Judenlisten.
Standesamt Stuttgart.
Stadtarchiv München.
„Juden und ihre Heimat Buttenhausen.“ Bearbeitet von Günter Randecker. 2. Auflage. Herausgegeben von der Stadt Münsingen 1988.
Maria Zelser: „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden.“ 1964.
Joachim Hahn: „Friedhöfe in Stuttgart.“ 3. Band.
Bilder: Staatsarchiv Ludwigsburg. Passakten.
Internet: Google:“Lilian Bernheimer“ vom 24.02.2012.


 

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