Max und Blanka Hartstein geb. Blumenstiel

Max Hartstein geb. 28.01.1873 in Schloppe, im ehemaligen Kreis Deutsch Krone Regierungsbezirk Marienwerder (Westpreußen), heute polnisch: Czloa.
Vater: Pietus Hartstein, Pferdehändler in Schloppe.
Mutter: Pauline Hartstein, geb. Giesenow.
Ehefrau von Max: Blanka Hartstein geb. Rosenstiel, geb. 30.07.1879 in Rottweil.
Vater: Immanuel Rosenstiel, Kaufmann in Rottweil.
Mutter: Lina Rosenstiel, geb. Degginger.
Heirat Max und Blanka: 18.02.1902 in Rottweil.
Aus dieser Ehe stammen drei Kinder, in Stuttgart geboren:
Tochter Paula, *12.05.1904, verheiratet mit Kaufmann Marx. – 1941 über Lissabon nach New York geflüchtet: Atlanta 6, Ga/USA.
Sohn Kurt *01.07.1905, Kaufmann und Elektriker. Seit 16.05.1935 verheiratet mit Gretel Trolich, geb. ca. 1900. - 1941 über Lissabon nach New York geflüchtet: 2517 Grove, CircleApt.1, Arkansas/USA. - Drei Kinder stammen aus dieser Ehe: *1937, *1940, *1946.
Tochter Grete, genannt Gretchen *12.05.1907 verheiratet mit Rudolf Berger, Kaufmann aus Heglitz, Teilort von Ardorf bei Wittmund/Ostfriesland. Tochter Gretchen ist in Tschechien durch die Nazis ums Leben gekommen.

Max Hartstein kaufmännisch ausgebildet, hatte das Fachgeschäft Carl Robert in Stuttgart Marktstr. 8 übernommen. Diese Adresse wird in den Restitutionsakten wie folgt beschrieben:  „ (…) Das Geschäft befand sich zwischen Schwanen-Apotheke und Lotterie Schweikert, in der Nähe Uhrengeschäft Di Centa“.Hartstein Max Marktstr. 8

Diese Notiz ist Anlass auf in der Nachkriegszeit bis heute - dem Zeitpunkt dieser Niederschrift - vorgefundenen städtebaulichen Veränderungen in der Stadtmitte hinzuweisen:

     > Marktstr. 8 um 1886 von Dr. Adam Haidlen und seiner Frau Mathilde, wohnhaft Werastr. 7, erbaut. 1887 verstarb Dr. A. Haidlen         und die Witwe verkaufte das Anwesen später an Max Hartstein.

Die Häuserzeile Marktplatz 15 bis 21 wurde nach der Zerstörung nicht mehr aufgebaut. Vergleiche Biografie:  Lina Baum und der Schlesische Dekorateur Eugen Peisak.
Der Marktbrunnen, entworfen mit Teilen von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich v. Thouret, wurde in der 70er Jahren dort aufgestellt.
Das Gebäude Breitling - heute Marktstr. 2 - entstand 1987. Es passt mit seiner Farbgebung, seiner Größe und monotonen Gestaltung nicht in den Bezugsrahmen des Marktplatzes. Das gilt auch für die Gestaltung der Fassaden von Breuninger auf der anderen Straßenseite (Brutalismus aus dem Jahr 1971).
Hinter Breitling entstand ein Ersatzbau (2012, Marktstr. 6) von Firma Mercklin G.F. Braun der den traditionsreichen Standort in der Sporerstrasse ersetzt und für die Überplanung mit dem „Dorotheen-Quartier“ Platz macht. An diesem städtebaulich wichtigen Projekt wird seit Jahren geplant. Der ursprünglich vorgesehene Abriss des Gebäudes Dorotheenstr. 10, das so genannte „Hotel Silber“, die frühere Gestapo-Zentrale Stuttgarts, wird erhalten bleiben und als Lern- und Gedenkort sowie als Dokumentationszentrum Verwendung finden. Massiver Portest über Jahre hinweg bewirkte diese Entwicklung. Vor allem Bürgerinitiativen bemühen sich um gleichberechtigte Mitsprache bei der inhaltlichen Gestaltung dieses Zentrums zusammen mit Stadt und Land -  was für Behörde und Politik ein Novum ist.
Jenseits der Eberhardstrasse entstand der fantasielose Riegel zur Stadtautobahn: das „Schwabenzentrum“. Die Obere Bachstr. wurde eingezogen und zu diesem Zweck überbaut. Einziger Vorteil: die Eberhardstrasse hat sich von einer Durchgangsstrasse zu einer verkehrsberuhigten Einkaufsstrasse entwickelt. Und aus der Hauptstätterstrasse wurde eine achtspurige Stadtautobahn. Der Stuttgarter Talkessel ist die mit Feinstaub und Abgasen meist belastetste Stadt Deutschlands.

Zurück zur Familie Hartsteins:

Hartstein Max FotoHartstein Blanka FotoDer Firmenbriefbogen: „Carl Robert, Inh. Max Hartstein, Herren und Knabenbekleidung“. Das Fachgeschäft florierte und erreichte einen großen Kundenkreis und galt als seriöse Adresse. 1930 – 34 wohnte die Familie Schloßstr. 35/1, von 1935-39 Hauptmannsreute 8/1. Von 1940-41 in der Kloppentalstr. 6/1. Dies war ein so genanntes Judenhaus. 1940-41 mussten sich dort elf Parteien mit bis zu 17 Personen die Zimmer teilen. Im Adressbuch 1941 finden sich folgende Name:

"Kahn R., Neubauer P. Sara, Harff B. Sara We, Tannheimer M. Sara We, Ziegler E. Sara Frau, Henriette Schlossberger We, Maier J. Israel Kaufm., Hartstein M. Israel Privatier, Hirsch J. Sara Fräulein, Eppstein J. Sara Kranken- Kinderpflegerin, Kahn E. Israel Lehrer."

Seit 1941 mussten jüdische Bürger den Judenstern auf ihrer Kleidung Hartstein Paula Fototragen. Auch war der freie Umgang mit dem Tuch- und Kleidergeschäft seit 1938 nicht mehr möglich. Max Hartstein war mit 65 Jahren Privatier und Sohn Kurt, der als Prokurist im Geschäft tätig war, verlor seine Arbeit.
Hartstein verkaufte das Geschäft an den Schneidermeister Eugen Breitling aus Magstadt und seiner Frau Frieda, wohnhaft Heusteigstr 72 mit Vertrag v. 10.12.1941; es wird auch auf einen Vertrag Ende 1938 hingewiesen. Der Kaufpreis von 130000,- RM wurde von der Preisbehörde auf 111000,- RM reduziert. Enorme Abzüge für Auswanderer-Abgaben, Ablösung von Sicherheits-Hypothek für Reichsfluchtsteuer, Sühneabgaben, Dego-Abgabe (Deutsche Golddiskontbank), Abgabe für jüd. Kulturverein etc. reduzierte den Verkaufserlös. Der Rest von 72545,- RM wurde auf einem Sperrkonto verbucht. Am Vortag der Deportation wurde dieses Restvermögen auf Anordnung der Gestapo vom Finanzamt Bad Mergentheim zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen.
Welchen Schikanen die jüdischen Mitbürger in dieser Zeit ausgesetzt waren, ist in vielen Biografien nachzulesen. Hier noch eine weitere Verordnung kurz nach der Pogrom-Nacht, bei der auch der Herrenausstatter Carl Robert zu erheblichem Schaden gekommen ist.

„Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbetreibenden v. 12.11.1938: Schäden sind von jüdischen Geschäftsinhabern auf deren Kosten ohne Rücksicht darauf, ob sie als Eigentümer, Mieter oder Pächter geschädigt worden sind, als Sonderlasten aufzuerlegen. Die Aufwendungen der Zerstörung von Eigentum sind daher als Sonderlasten, wie Sonderabgaben, im Sinne des § 59 zu behandeln.“
Der letzte Mitarbeiter und Verkäufer bei Carl Robert hat den Schaden später bezeugt und er wurde bei der Entschädigung der Erben - den Geschwistern Paula und Kurt – zugesprochen; Schwester Grete war von Vater Max frühzeitig ausbezahlt worden.


Firma Breitling forderte auf Grund des vorliegenden, komplizierten notariellen Kaufvertrages mit Hartsteins nach dem Krieg einen Entschädigungsbetrag vom Land Baden-Württemberg in Höhe von 11491- DM, einschließlich der Kosten des jahrelangen Rechtsstreits. Diese Forderung reduzierte sich auf 493,23 DM (Bescheid v. 22.09.1965).

Das weitere Schicksal der Eheleute Max und Blanka Hartstein: 1940 werden Max und Blanka nach Bad Mergentheim Holzapfelgasse 20 evakuiert – genaue Umstände, von wem und weshalb dieser Ort gewählt wurde ist nicht bekannt. - Das Bad Mergentheimer Stadtarchiv stellt folgende Nachricht zur Verfügung: "15.10.1941 von Stuttgart zugezogen, deportiert 20.08.1942 nach Theresienstadt, umgekommen 16.05.1944 in Auschwitz."
Max und Blanka Hartstein wurden dort ermordet.

Max Hartstein erreichte ein Lebensalter von 71, Blanka Hartstein von 65 Jahren.
Ihr Todesdatum wurde amtlich auf 31.07.1944 festgesetzt.

Recherche und Text: Gebhard Klehr, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Nord.
Quellen und Hinweise: Staatsarchiv Ludwigsburg, Stadtarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Bad Mergentheim.

4/2004 Verlegung des Gedenksteines und Finanzierung durch Initiative S-Ost

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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