Hedwig Neuhäuser, geborene Reis,
Rosenbergstraße 149, Stuttgart-West.

Geburt: 05. März 1881 in Cannstatt.
Tod: 1944 in Auschwitz.

War es eine letzte Hoffnung, um einen sicheren Platz zu haben, oder wollte Hedwig Neuhäuser Geld anlegen? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall kaufte sie 1936 mit Salomon Felheim, vielleicht ein Verwandter, das Haus Rosenbergstraße 149.

Das dreistöckige Wohnhaus war 1935 gebaut worden.  Alle Wohnungen waren vermietet, als Hedwig Neuhäuser und Salomon Felheim das Haus kauften. 1937 oder 1938 zog Hedwig, sie war da schon mehrere Jahre Witwe, mit ihrer Mutter, Bertha Reis, dann in die 3-Zimmer-Wohnung im 2. Stock ein. Nicht lange blieb es in ihrem Besitz. Bereits am 8. Dezember 1938 wurde es über einen Makler wieder verkauft. Im notariellen Verkaufsvertrag wurde jedoch ein Mietvertrag vereinbart. Dieses Mietverhältnis solle sich erst zum Zeitpunkt der geplanten Auswanderung von Hedwig Neuhäuser und ihrer Mutter auflösen. Beide hatten die Absicht, möglichst bald in die Vereinigten Staaten von Nordamerika auszuwandern. Bei dem amerikanischen Konsulat in Stuttgart waren sie, laut Angaben von Angehörigen nach dem 2. Weltkrieg, zu diesem Zeitpunkt bereits registriert.

Aber zu dieser Auswanderung kam es nicht mehr. – Hedwig Neuhäuser wurde in Auschwitz 1944 ermordet.

In Cannstatt, damals noch nicht eingemeindet nach Stuttgart, wurde Hedwig Neuhäuser am 5. März 1881 morgens „um sechs ein halb“ (so in der Geburtsurkunde) Uhr als Hedwig Reis geboren (Bertha Reis). Die Eltern, Gustav Reis und Bertha geborene Fellheim, waren Cannstatter Bürger. Der Vater hatte eine Bettenfabrik in der Waiblingerstraße 16. Hedwig war das erstgeborene Kind. Im Dezember 1882 wurde die Schwester Paula geboren. Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder des Ehepaars Reis. In Friedenszeiten konnten die Kinder heranwachsen. Wie sich allerdings konkret die Kinder- und Jugendjahre von Hedwig gestalteten, welche Schule sie besuchte, welche Vorlieben sie hatte, all dies wissen wir nicht. Auch wie sie ihren Ehemann kennenlernte, bleibt im Dunkeln. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Verbindung zu Elias Albert Neuhäuser, dem späteren Ehemann, über die Verwandtschaft in Burgkunstadt zustande kam, dem Herkunftsort ihrer Mutter. Hedwig heiratete 18jährig den 18 Jahre älteren Elias Albert Neuhäuser. Er war am 4. August 1863 in Idar geboren worden. Dort wohnte er und besaß ein Geschäft mit Achat- und Bijouteriewaren. Hedwig und Elias Albert Neuhäuser wohnten etliche Jahre in Idar-Oberstein. 1904 führte Elias Albert Neuhäuser mit seinem Bruder Emil in der Bahnhofstraße 12 in Oberstein eine Großhandlung für Uhrketten und Kolliers.
Dem Ehepaar wurden zwei Töchter geboren, nämlich Else am 1. März 1900 und Lotte Marie am 9. August 1903, beide in Oberstein/Nahe.

1910 wird Elias Albert Neuhäuser, der Ehemann, als Privatier erstmals im Adressbuch der Stadt Stuttgart erwähnt. Die Familie Neuhäuser hatte ihre Wohnung im Haus Hölderlinstraße 55 im Stuttgarter Westen. Die Eltern von Hedwig Neuhäuser wohnten ab 1922 unweit davon, in der Kornbergstraße 39.
Wie das Stadtarchiv in Idar-Oberstein mitteilt, betrieb Elias zwischen 1920 und 1930 in der Bahnhofstraße 16 in Oberstein eine eigene Uhrketten- und Bijouteriehandlung. An der Wohnadresse in Stuttgart änderte sich nur, dass Neuhäusers 1926 ein paar Häuser weiter, in das Haus Hölderlinplatz 14 zogen.
Die beiden Töchter waren bis dahin schon ausgezogen und verheiratet.

Else, die älteste Tochter, war verheiratet mit Hugo Eisinger. Das Paar hatte eine Tochter, Lore Else, die am 24. April 1923 geboren wurde. Eisingers wohnten in Stuttgart und hatten es nicht weit zu den Eltern. Am 5. Januar 1927 starb Tochter Else im Marienhospital in Stuttgart und wurde auf dem jüdischen Teil des Stuttgarter Pragfriedhofes beerdigt. Der Schwiegersohn Hugo zog mit der Enkelin Lore Else 1929 nach München und heiratete dort wieder.

Die Tochter Lotte Marie heiratete 1924 Max Blank.Neuhäuser Lotte
Ihnen wurden zwei Kinder geboren, Hans Gerd am 10. November 1925
und Hanna am 9. Januar 1928. Sie hatten ihr Zuhause in Dortmund.

 

Lotte Marie Neuhäuser, um 1920, später verheiratete Blank.
Foto: Staatsarchiv Ludwigsburg.

 

 Mit dem Tod der Tochter Else begannen sicherlich die schweren Zeiten für Hedwig Neuhäuser. Am 28. April 1931 starb der Ehemann Elias Albert. Ihre Eltern, Gustav und Bertha Reis, zogen zu ihr in die Wohnung. Der Vater starb am 23. Dezember 1933. So wohnten die beiden Frauen, Mutter und Tochter, zusammen in der Wohnung Hölderlinplatz 14. Nach der Umbenennung der Straße lautete die Adresse Dillmannstraße 29.

Zeitweise wohnte noch Bertha Reif, geborene Neuhäuser, die Schwägerin, deren Ehemann Karl Reif 1935 verstorben war, mit in der Wohnung. Wie Hedwig Neuhäuser in den Jahren nach dem Tod ihres Mannes ihren Lebensunterhalt bestritt, bleibt unklar.
1936 gab sie aus dem Familienbesitz zwei Gegenstände zu einer Auktion. Es handelte sich um ein Räuchergefäß (Kohlebecken) aus dem Jahre 1770 und eine Messingdose.
Bald begannen die Umzüge. Dabei wurden vermutlich immer wieder Möbel aus dem Besitz veräußert.
1937 oder 1938 zog Hedwig Neuhäuser in die Rosenbergstaße 149, 1940 dann in das jüdische Schwesternheim in der Dillmannstraße 19, 1941 wurde es ein Zimmer im jüdischen Altersheim in der Heidehofstraße 9, alles Straßen in Stuttgart.
Nicht genug der Umzüge, im Frühjahr 1942 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter nach Dellmensingen bei Ulm, in ein sogenanntes Altersheim, zwangsdeportiert. Die Möbel aus dem einen Zimmer in der Heidehofstraße konnte sie mitnehmen.                                                                  
Bis zu der Zwangsumsiedlung nach Dellmensingen hatte sie vermutlich die Wohnung in der Rosenbergstraße 149 noch gemietet. Der Sohn einer langjährigen Freundin schreibt, wie in den Entschädigungsakten nachzulesen ist, dass Hedwig Neuhäuser eine Separatwohnung hatte, wohin seine Mutter immer wieder Lebensmittel brachte.                                    
Im August 1942 wurde Hedwig Neuhäuser aufgefordert, sich in dem Sammellager auf dem Killesberg, in der sogenannten „Ehrenhalle des Reichsernährungsstandes“ der Reichsgartenschau 1939, einzufinden. Nun musste die Habe in einen Koffer passen. Am 22. August 1942 ging dann der Transport mit etwa tausend Menschen vom Nordbahnhof Stuttgart aus ab nach Theresienstadt.
Über zwei Jahre verbrachte Hedwig Neuhäuser in Theresienstadt. Dort hatte sie Kontakt zu anderen Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern. Manche sah sie dort sterben, so auch bald nach der Ankunft im August 1942 ihre Mutter. Oder sie litt mit den anderen mit und hatte Ängste, wenn wieder ein Transport in „den Osten“ angesagt war. Die Aufregung und die Angst waren riesig, selbst auf den Osttransport geschickt zu werden.
Am 16. Mai 1944 verließ wieder ein heute sogenannter „Todestransport“ (Transport EA/1894) Theresienstadt in Richtung Osten. (Von „Todestransport“ spricht man, wenn nach dem Krieg weniger als 10 Prozent der Verschickten zurückkamen.) Das Ziel war Auschwitz. In diesem Transport saß Hedwig Neuhäuser. Es wird angenommen, dass sie gleich nach der Ankunft dort ermordet, also vergast, wurde. Mit diesem Transport kamen 2500 Personen nach Auschwitz, fünf davon überlebten.
Sowohl der Schwiegersohn Hugo Eisinger als auch die Enkelin Lore Else konnten 1938 von München aus nach den USA emigrieren.
Die Tochter Lotte Marie, die mit ihrer Familie auf dem Weg in die Emigration war, wurde 1942 von Frankreich aus, dem KZ-Sammellager Drancy, nach Auschwitz deportiert und dort 1942 ermordet. Ihrem Ehemann Max Blank und den beiden Kindern Hans und Hanna gelang es, nach England zu entkommen. Dort lebten sie in den 50er Jahren.
Ihre Schwester Paula lebte 1955 in London.
Warum es Hedwig Neuhäuser und ihrer Mutter nicht gelang, in die USA zu emigrieren, bleibt offen.
63 Jahre währte ihr Leben.
Heute erinnern außer dem Stolperstein noch das Räuchergefäß und die Messingdose, die im Besitz des Landesmuseums Württemberg sind, an Hedwig Neuhäuser. Bei der Herkunftssuche nach jüdischen Vorbesitzern dieser Gegenstände stieß das Landesmuseum auf Hedwig Neuhäuser.
 

2011 - Margot Weiß/Stolperstein-Initiative Stuttgart-West

Quellen:
Stadtarchiv Stuttgart, Adressbücher, Judenlisten, Deportationsliste.
Staatsarchiv Ludwigsburg, Entschädigungsakten.
Stadtarchiv Idar-Oberstein.
Stadtarchiv München.
Landesmuseum Württemberg Stuttgart.
Fotos: Landesmuseum Württemberg und Staatsarchiv Ludwigsburg.
Joachim Hahn: Friedhöfe in Stuttgart. 3. und 4. Band.

 

 


 

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