Julius und Mina Lindauer, geborene Basnizki, verwittwete Lindauer,
Klopstockstr. 57

Esslingen war die Heimatstadt von Julius Lindauer. Da wurde er 1876 geboren und wuchs mit sechs Geschwistern auf. 1875 waren seine Eltern, Moses Jakob Lindauer und Henriette, geborene Rosenbaum, mit den bis dahin geborenen vier Kindern von Jebenhausen bei Göppingen nach Esslingen gezogen, wo Jakob Lindauer, der Vater, mit seinem Vetter Max (Manasse) Lindauer eine Viehhandlung betrieb.

Nach Julius wurden noch 1880 Theodor, der spätere erste Ehemann von Mina Basnizki, und1886 die Schwester Hermine geboren. Eine Schwester starb 1870 mit zwei Jahren in Jebenhausen. Julius wuchs mit drei Brüdern und drei Schwestern auf.

Im 1. Weltkrieg war Julius Soldat, zuletzt beim Landsturm im Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 und wurde mit einem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

In der Untertürkheimer Bettfedernfabrik Straus & Cie. war Julius Lindauer als Kaufmann und Vertreter tätig. In der Kölner Zweigniederlassung war er Geschäftsführer. Er besaß Geschäftsanteile an der Firma. Als Reisender war Julius viel unterwegs. „Die berufliche Tätigkeit von Julius endete mit der erzwungen Auflösung seiner Firma am 1. August 1938.“
(Joachim Hahn, S. 314)

Mina Lindauer wurde als Tochter des Möbelherstellers in (Bad) Langenbrücken, Isak Basnizki und seiner Ehefrau Ernestine, geborene Groß, am 23. Juni 1887 in Odenburg bei Bruchsal geboren.
Ihr Vater, Isak Basnizki, kam 1853 in Litauen zur Welt.  Mit 15 Jahren ging er 1868 von zu Hause fort. In Berlin erlernte er das Tischlerhandwerk. Nach Beendigung seiner Lehrzeit ging er in die Fremde, bis er sich dann in Odenheim niederließ.  Er war ein guter Schreiner, so dass er 1877 in der Lage war, eine Familie zu gründen. Er heiratet Ernestine Groß, die 1853 in Odenheim geboren war. Isak Bas-nizki war selbständig und konnte recht schnell sein Geschäft vergrößern. Bald verlegte er seine Firma nach Langenbrücken, weil dort ein Eisenbahnanschluss bestand, was für sein Unternehmen wichtig war. 1887 entschloss er sich dann mit Frau und fünf Kindern, das älteste war neun Jahre alt, das jüngste fünf Monate, nach Langenbrücken zu ziehen, wo er sich ein Haus gekauft hatte.
Mina war zu diesem Zeitpunkt das jüngste Kind, wie viele Geschwister sie noch bekam, konnte nicht festgestellt werden.

Am 29. August 1910 heiratete sie dann in Langenbrücken standesamtlich und am 31. August 1910 in der Synagoge in Bruchsal den Kaufmann und Viehhändler Theodor Lindauer aus Esslingen. Die Ehe blieb kinderlos.

Theodor war seit 1910 als Gesellschafter in die vom Vater stammende Viehhandlung Lindauer in Esslingen eingetreten. Das Ehepaar wohnte in Esslingen am Marktplatz. Theodor war Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg. Bei Kämpfen um Amiens in Sauvillers-Montgival, Montdidier (Frankreich) ist er am 5. April 1918 gefallen.  Mina war also mit knapp 31 Jahren Witwe. Sie blieb wohl in Esslingen wohnen.

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Am Donnerstag, dem 8. Januar 1920, fand die bürgerliche Trauung von Julius mit der Witwe seines Bruders Theodor, Mina, geborene Basnizki, in Esslingen statt. Sie heirateten nur standesamtlich.  Zunächst blieb das Ehepaar weiterhin in Esslingen wohnen.

Von kulturhistorischem Interesse könnte sein, dass Mina Lindauer in ihre Ehe eine sogenannte 36er Ausstattung mitbrachte, d.h. alle Gegenstände wie Leintücher, Tischtücher, Kissen usw. waren in der Zahl 36 vorhanden.

Das Ehepaar Mina und Julius Lindauer zog 1934 oder 1935 in das mit Kaufvertrag vom August 1934 erworbene Wohnhaus mit Hofraum in der Klopstockstraße 57 im Stuttgarter Westen in die Parterrewohnung ein. Vorher hatten sie in der Johannesstraße 67 gewohnt. Dorthin waren sie in den 20er Jahren von Esslingen am Neckar gezogen. In Esslingen wohnten sie am Marktplatz. Kinder hatte das Ehepaar nicht.

Am 3. März 1942 wurde das Ehepaar Lindauer nach Buchau am Federsee umgesiedelt.
Vorher jedoch waren sie gezwungen, ihr Haus in der Klopstockstraße 57 zu verkaufen. Als jüdische Bürger durften sie keinen Hausbesitz mehr haben. Ebenso wurden sie gezwungen, Wertpapiere zur Zahlung der Judenvermögensabgabe zu veräußern und an die Seehandlung in Berlin abzugeben. Auch wurden ihnen die Bankkonten vom ehemaligen Deutschen Reich zwangsweise eingezogen. Edelmetallgegenstände mussten abgeliefert werden. So brachte Julius Lindauer am 22. März 1939 die Eheringe, Schmuck- und Besteckteile aus Silber zur Städt. Pfandleihanstalt Stuttgart AG.

Mit Kaufvertrag vom 15. August 1940 ging das Mehrfamilienhaus in der Klopstockstraße 57 an einen arischen Bürger. Julius Lindauer versuchte, in diesen Vertrag einen Passus einzufügen, wonach er 16 Monate unentgeltlich in seiner Wohnung hätte bleiben dürfen. Dies wurde aber von den zuständigen amtlichen Stellen nicht genehmigt. Nach Kriegsbeginn wurden weitere Personen in die Vierzimmerwohnung eingewiesen, wie die frühere Hausangestellte nach dem Krieg aussagte. Bei dem letzten Besuch der Hausangestellten, am Vorabend der Umsiedlung nach Buchau, saßen sie alle in dem kleinen Fremdenzimmer, sonst sah sie kein Zimmer mehr.

Aus Buchau am Federsee schrieb Julius Lindau am 21. April 1942 an den Hauskäufer folgenden Brief (Entschädigungsakten Staatsarchiv Ludwigsburg):

„Sehr geehrter Herr Notar,
Ich hoffe Sie bei bestem Wohle, was G.s.D.(vielleicht: "Gott sei Dank", Red.) auch von meiner l. Frau wie mir selbst sagen kann.
Heute muss ich Ihnen eine für uns sehr schmerzliche Mitteilung machen, wir werden am Freitag ab hier, Sonntag ab Stuttgart nach dem General Gouvernement umgesiedelt, den Platz weiß ich noch nicht, anscheinend in den Distrikt Lublin und können Sie sich vorstellen in welcher Verfassung wir uns befinden. Haben Sie in dortiger Gegend Beziehungen?

Leben Sie wohl, seien Sie von uns Beiden herzlich gegrüßt
Ihr
Julius Lindauer“

Dies ist das letzte überlieferte Lebenszeichen von Julius Lindauer und seiner Frau Mina.

Die Geschwister von Julius und Mina Lindauer, bzw. deren Nachkommen, sind auf der halben Welt verstreut. Es gab in den 50er Jahren Adressen der Verwandten in Holland, Schweiz, USA, Brasilien, Argentinien und Israel.

Julius und Mina wurden nach Izbica, etwa 50 km südlich von Lublin/Polen, deportiert. Dort herrschten katastrophale Zustände. „Die Stadt war vollkommen verwahrlost; es fehlte an allem, nur nicht an Ratten, Mäusen, Flöhen und Wanzen. Es gab in der Stadt auch keine Kanalisation, und die Lebensmittel waren äußerst knapp. Wer dort nicht nach wenigen Monaten umgekommen ist, wurde vermutlich noch 1942  “ in ein Vernichtungslager weitertransportiert und dort ermordet." (Joachim Hahn, S. 135)

Es gibt kein Grab. Und wo der 66jährige Julius und die 55jährige Mina Lindauer den Tod fanden, wissen wir nicht.

Sommer 2009/ Margot Weiß
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Quellen:
Stadtarchiv Stuttgart
Staatsarchiv Ludwigsburg, Entschädigungsakten
Joachim Hahn: Jüdisches Leben in Esslingen. Geschichte, Quellen und Dokumentation, Esslingen 1994. (Esslinger Studien. Schriftenreihe Bd.14)
Willy Messmer: Juden unserer Heimat. Die Geschichte der Juden aus den Orten Langenbrücken und Malsch. Darin der Bericht von Isak Basnizki S. 139 ff.



 

 

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