Lydia Heilborn, geb. Landauer, und ihre Tochter Gertrud Heilborn

Lydia Landauer wurde am 31.10.1875 in Ravensburg geboren. Hier heiratete sie 1897 Leonhard Heilborn, geboren am 21.3.1857 im oberschlesischen Ratibor. Die beiden Kinder kamen in Ravensburg zur Welt, die Tochter Gertrud am 15.7.1898, der Sohn Fritz am 27.7.1902.

Seit 1902 wohnt die Familie in Stuttgart, seit 1911 im Haus Neue Weinsteige 12 A, im 1. Stock. Hier in der geräumigen 5-Zimmer-Wohnung lebt die deutsch-jüdische Familie Heilborn in Frieden fast drei Jahrzehnte lang, angesehen und integriert in die Gesellschaft. Leonhard Heilborn ist seit etwa 1925 Verlags-Direktor der Deutschen Verlags-Anstalt, Neckarstraße 121/123.
Folgerichtig gibt es einen großen Bücherschrank voller guter Bücher in der Wohnung, daneben einen Flügel der Stuttgarter Piano-Fabrik Kraus, und die Herkunft der Hausherrin Lydia aus einem „vermöglichen“ Ravensburger Elternhaus zeigt sich in einem wertvollen altdeutschen Schrank mit außergewöhnlicher Weißzeugausstattung. So beschreiben Schwiegertochter und Hausangestellte später in den Entschädigungsakten Teile der wertvollen Wohnungseinrichtung.

Von der 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten einsetzenden Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen, denen man das Existenzrecht abspricht, sind Heilborns in doppelter Weise betroffen: einmal weil sie Juden (besser gesagt: Deutsche, jüdischen Glaubens) sind, zum andern, weil die Tochter Gertrud als geistig Behinderte dem „lebensunwerten“ Leben zugeordnet wird. Sie ist seit 1921 in der Heilanstalt Winnental.

Leonhard Heilborn verliert 1935 seinen Posten als Direktor der Deutschen Verlags-Anstalt, er nennt sich jetzt nur noch Schriftleiter. Der Sohn Fritz geht 1936 mit seiner nicht-jüdischen Verlobten, einer Chortänzerin beim Staatstheater, nach England. 1939 heiraten sie in London. Hier stirbt Fritz, kinderlos, schon am 5.12.1948.

1939 wird das Ehepaar gezwungen, aus der großen Wohnung in das mit Juden dichtbesetzte „Judenhaus“ Hegelstraße 49 umzuziehen. Möbel, Teppiche, Ölbilder, Erinnerungsstücke … alles, was in dem einen Zimmer in der Hegelstraße keinen Platz findet, hat vorher veräußert werden müssen. In dieser traurigen Situation stirbt Leonhard Heilborn am 31.12.1939 im Alter von 82 Jahren.

Allein und hilflos trifft Lydia im Juni 1940 die Nachricht vom Tod ihrer Tochter Gertrud in Grafeneck. Sie steht allein am Grab ihres Mannes auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs, als die ihr von Grafeneck zugesandte Urne, angeblich mit der Asche der Toten, am 11. Juli 1940 dort beigesetzt wird.

1942 muss die nun 67-Jährige nach Buchau am Federsee ziehen, wird dort zwangseingewiesen in ein jüdisches Haus, es ist ein Leben auf engstem Raum und bei Hungerrationen.

Am 15.8.1942, eine Woche vor der Deportation, schließt Lydia Heilborn einen Heimeinkaufsvertrag mit der Jüdischen Kultusvereinigung über 5.500 RM ab, Bevollmächtigter ist Alfred Einstein aus Buchau; alles scheint in jüdischer Hand, das beruhigt die alten Menschen.

Am 22.8.1942 wird Lydia nach Theresienstadt deportiert, den Ort des angeblichen Altersheims. Sie ist noch am Leben, als der Staat sich schon ihr letztes Geld nimmt.
Am 20.10.1942 wird das restliche Vermögen der Deportierten vom Finanzamt Riedlingen, wozu Buchau gehört, zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen.
Am 29.11.1942 stirbt Lydia Heilborn unter den katastrophalen Verhältnissen in Theresienstadt.


2010 / Irma Glaub, Stuttgart-Süd


Gertrud Heilborn ist eines der 10.654 Opfern der NS-„Euthanasie“, die von Januar bis Dezember 1940 in einer Gaskammer im Schloss Grafeneck bei Münsingen getötet wurden, weil ihr Leben als „unwert“ beurteilt worden war. Geboren am 15.7.1898 in Ravensburg, der Heimat ihrer Mutter Lydia, wächst sie als gesundes Kind seit 1902 in Stuttgart auf, in einer deutschen jüdischen Familie. Mit dem vier Jahre jüngeren Bruder Fritz zusammen erlebt sie eine behütete Kinder- und Jugendzeit im Haus Neue Weinsteige 12 A.

Sie besucht das Königin-Katharina-Stift. Auf dem täglichen Schulweg die Olgastraße entlang holt sie ihre Freundin Martha ab. Die Tochter dieser Klassenkameradin lebt heute noch in Stuttgart. Sie weiß aus Erzählungen ihrer Mutter von dieser gemeinsamen Schulzeit von 1906 bis 1916. Die Mutter habe oft über das traurige Schicksal der Gertrud gesprochen. Als Folge von Masern oder Scharlach sei diese an Hirnhaut-entzündung erkrankt, was zu einer psychischen Erkrankung geführt habe.

Das bis dahin völlig gesunde Mädchen wird zur Behinderten.
Für die Eltern ist es sicher eine schwere Entscheidung, die 23- Jährige in die Heilanstalt Winnental zu geben, wo sie am 18.7.1921 aufgenommen wird.

Die Verfolgungsmaßnahmen, denen die Eltern und der Bruder als Juden seit 1933 bereits ausgesetzt sind, richten sich im Jahr 1940 massiv auch gegen Gertrud als Insassin einer „Heilanstalt“.

Am 30.5.1940 wird sie von Winnental nach Grafeneck verlegt. Dieses Datum der Verlegungsliste Winnental ist auch das Todesdatum, denn die Menschen werden aus den grauen Bussen heraus gleich in den Schuppen mit der Gaskammer geführt. Der vom Sonderstandesamt Grafeneck sehr viel später bezeichnete Zeitpunkt des 22.6.1940 dient der Verschleierung der Ermordung und ist üblich bei den Euthanasie-Verbrechen.

Die Mutter, Lydia Heilborn, die bereits im „Judenhaus“ Hegelstraße 49 wohnen muss, allein als Witwe, erhält sogar eine Urne mit der angeblichen Asche, die am 11.7.1940 im Grab des ein halbes Jahr zuvor verstorbenen Leonhard Heilborn beigesetzt wird.

Erschütternd, wenn man die Umstände des Todes in Grafeneck bedenkt, ist der Brief der Mutter an die Direktion der „Heilanstalt“ Winnental vom 14.8.1940: „Ich bitte Sie höflich, mir die Sachen, die v. m. verstorbenen Tochter Gertrud noch in Verwahrung bei Frl. Noller liegen, mir frdl. zu senden.
Hochachtungsvoll Frau Lydia S. Heilborn, Hegelstraße 49.“ Ob die Mutter ahnte, was mit der Tochter geschah?

Ein einfacher, damals üblicher schmuckloser Kunststein auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs am Trennzaun zum christlichen Teil erinnert neben Leonhard an Gertrud Heilborn.

 

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