Nächste Stolpersteinverlegung am 8. und 9. Oktober 2010 in Stuttgart

Am 8. und 9. Oktober wird mit weiteren Stolpersteinen
an Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnert -
15 von 43 neuen Steinen für “Euthanasie“-Opfer

Gustav Arnstein (Jahrgang 1865) war Eigentümer der Stuttgarter Nachtwach- und Schließdienst-gesellschaft und Mitglied im Verschönerungsverein Stuttgart. Gertrud Bogner (Jahrgang 1891) war Buchhalterin. Heinrich Rexer (Jahrgang 1910) war Mitglied der „Arbeitersänger“. Ilse Meyer (Jahrgang 1930) und Albert Levi (Jahrgang 1938) waren einfach nur Kinder. So verschieden ihre Lebensläufe auch waren – sie alle wurden Opfer des Nationalsozialismus.

Am Freitag und Samstag, 8. und 9. Oktober, wird Gunter Demnig ihnen mit Stolpersteinen gedenken. In neun Stuttgarter Stadtbezirken wird er insgesamt 43 Steine verlegen, 15 davon für Opfer der NS-„Euthanasie“. In Stuttgart wird es damit 567 Stolpersteine geben, deutschlandweit sind es zehn-tausende und viele liegen mittlerweile auch in den Niederlanden, Belgien, Norwegen, Ungarn, Österreich, Tschechien oder etwa Italien.

Seit 1997 verlegt der Kölner Künstler für das von ihm erfundene „Kunstprojekt für Europa“ Stolpersteine und gibt damit den Opfern wieder einen Namen, direkt dort, wo sie einst gewohnt haben. Wieder ein Gesicht geben ihnen die ehrenamtlicharbeitenden Stolperstein-Initiativen, von denen es allein in Stuttgart fast flächendeckend für alle Stadtbezirke 15 gibt, dazu kommen drei Arbeitskreise für bestimmte Opfergruppen. Sie alle versuchen die Lebensgeschichten der Opfer nachzuzeichnen und Kontakte zu knüpfen mit früheren Nachbarn und Angehörigen, so wie etwa mit dem Enkel von Gustav Arnstein in New York. Gustav Arnstein wollte zu seinen beiden Söhnen in die USA auswandern, unmittelbar vor der Abreise wurde ihm der Reisepass abgenommen. Er wählte daraufhin am 1. Juni 1940 den Freitod. Verwandte haben sich hier zur Verlegung des Stolpersteins in der Bismarckstr. 79 (West) angesagt.

Zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus in Stuttgart gehört Heinrich Rexer. Der Botnanger nahm am 16. Juli 1933 an einem Omnibusausflug der "Arbeitersänger" teil. Die Omnibusse wurden am Kräherwald gestoppt, die Männer im Bus wurden ins KZ Heuberg verschleppt. Aufgrund der schlechten Verpflegung zog sich Heinrich Rexer dort eine Lebensmittelvergiftung zu, weshalb er direkt vom Heuberg ins Katharinenhospital nach Stuttgart verbracht wurde, wo er kurz darauf an den Folgen dieser Vergiftung starb. In der Furtwänglerstr. 18 (Botnang) wird auch ein Stolperstein für seine Mutter, Maria Rexer, verlegt. Sie war seit 1916 in "Heilanstalten" untergebracht und im Zuge der NS-„Euthanasie“ am 17. Juni 1941 von Weinsberg zur Ermordung mit Gas nach Hadamar deportiert worden.

Das Schicksal „Euthanasie“ teilt auch Gertrud Bogner. Die ledige Buchhalterin aus der Hackstr. 16 (Ost) war in ihrem fünften Lebensjahrzehnt an Paralyse erkrankt, verbunden mit motorischer Bewegungslähmung, und lebte deshalb in der Heilanstalt Stetten, von wo sie am 18. September 1940 zur sofortigen Ermordung nach Grafeneck deportiert wurde.

Ilse Meyer, am 19. Mai 1930 geboren, kam aus einer begüterten Familie, die in Stuttgart Hausbesitz hatte. Zusammen mit ihrer Mutter, der Witwe Senta Meyer, zwei Schwestern und einem Bruder, wurde das Kind am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert und am 26. März 1942 im Birkenwäldchen von Bikernieka bei Riga erschossen. Mit einem Stolperstein wird an sie in der Arminstr. 15 (Süd) erinnert.

Albert Levi war am 3. April 1938 in Stuttgart geboren worden, hatte also sein ganzes Leben noch vor sich. Zusammen mit seinem Vater, der profitable Handelsvertretungen hatte, seiner Mutter und vier Geschwistern lebte er in der Alexanderstr. 81 (Mitte). Am 1. Dezember 1941 trat Albert Levi mit seiner Familie die viertägige Bahnfahrt nach Riga an, wo alle ermordet wurden.

In Bad Cannstatt werden Stolpersteine für Karl Günther Schmidt in der Bochumer Str. 9 und für Karl Munder in der Badstr. 60 verlegt. Beide wurden in Grafeneck ermordet, ebenso wie Anna Lutz, Helfergasse 27, und Klara-Luise Renz, Haldenstr. 8, denen erst das Unrecht der Zwangssterilisation angetan wurde, bevor sie dann im Mai bzw. im Dezember 1940 in Grafeneck der NS-„Euthanasie“ zum Opfer fielen. Nachkommen waren hier auf die Stolperstein-Initiative zugegangen. Manchmal stößt die Arbeit der Stolperstein-Initiativen allerdings auch an ihre Grenzen: Weil die Krankenmorde nicht nur das Leben, sondern auch die Lebenszeugnisse der für „lebensunwert“ Befundenen weitgehend ausgelöscht haben, und sich folglich bei den Verlegungen nur wenig Biografisches in Erinnerung rufen lässt, wird in Bad Cannstatt der Gitarrist Klaus Kusserow musikalisch auszudrücken, wofür die Worte fehlen.

So sehr sich die Schicksale der Opfer des nationalsozialistischen Terrors ähneln, so verschieden sind ihre Lebensgeschichten und so verschieden sind auch die Verlegungen, deren Rahmen von den Stolperstein-Initiativen individuell gestaltet wird. Nur eines ist bei allen Stolpersteinen gleich: Wer sich bückt, um die Texte von Stolpersteinen zu lesen, verbeugt sich dabei unwillkürlich auch vor den Opfern.

Im Anschluss an die Verlegungen veranstalten Vikarinnen des evangelischen Pfarrkonvents Stuttgart am Samstag, den 9. Oktober 2010 von 16:00 - 18:00 Uhr einen Erinnerungsgang zu Stolpersteinen für „Euthanasie“-Opfer (Rotenbergstr. 44 und 60 — Hackstr. 16 — Heilandskirche). Sie werden dabei von Elke Martin und Gerhard Hiller (Initiative Stuttgart-Ost) begleitet. Parallel zu den Verlegungen zeigt der Arbeitskreis „Euthanasie“ zusammen mit den AnStiftern und weiteren Kooperationspartnern Filme zum Schwerpunkt „70 Jahre nach Grafeneck“:

  • Mi 6.10.2010, 19:30 Uhr: „Lebensunwert“, Lutherkirche Feuerbach
  • So 10.10.2010, 11:20 Uhr: Wenn Ärzte töten - Robert J. Lifton über Ethik und Moral in der Medizin“, Stuttgarter Premiere des preisgekrönten Films von Hannes Karnick und Wolfgang Richter, Matinee der AnStifter und des AK „Euthanasie“, Kino Atelier im Bollwerk in der Hohe Str.
  • Mi 10.11.2010, 18:30 Uhr: "Ich klage an", Kommentierte Betrachtung des NS-Propagandafilms
    Mit dem Stadtmedienzentrum in der Rotenbergstr. 111, Stuttgart Ost
  • <<Achtung: neuer Termin>> Di 16.11.2010, 19:30 Uhr: „Sichten und vernichten“, Gemeindesaal der Kreuzkirche Hedelfingen (Initiative Neckarvororte)

Weitere Veranstaltungen, die an die 10.564 in Grafeneck ermordeten Menschen erinnern, sind für den 12. und 13. Dezember 2010 geplant. Näheres hierzu unter www.spurensicherung.info

Außerdem lädt der ver.di Bezirk Stuttgart für Sonntag, den 10. Oktober 2010 von 15:00 - 17:00 Uhr zu einem „Rundgang - Antisemitismus in Stuttgart im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“ mit dem Tübinger Kulturwissenschaftler und Historiker Dr. Martin Ulmer ein (Marktplatz/Rathaus).

Detaillierte Informationen zu den Verlegungen, ihrem Ablauf und den begleitenden Veranstaltungen bei den Stadtteil-Initiativen und den einzelnen Arbeitskreisen

Stolpersteine für Stuttgart am Freitag, den 8. Oktober 2010 (Uhrzeit-Steinverlegung):

9:30 S-Süd, Hohentwielstr. 146 B, 2 Steine für Max und Mathilde Henle
9:50 S-Süd, Arminstr. 15, 5 Steine für Senta, Gertrud, Lore, Fritz-Jacob und Ilse Meyer
10:15 S-West, Reuchlinstr. 9, 4 Steine für Ferdinand, Moritz, Paula und Ludwig Fleischer
10:30 S-West, Reinsburgstr. 107, 1 Stein für Hedwig Hirschfeld
11:00 S-West,  Bismarckstr. 85, 1 Stein für Paul Reis, Bismarckstr. 79  1 Stein für Gustav Arnstein
11:30 S-Nord, Ehrenhalde 4, 2 Steine für Julius und Sofie Stein
11:45 S-Nord, Im Kaisemer 16, 1 Stein für Maria Gresser
12:00 S-Nord, Tunzhoferstr. 21, 1 Stein für Margarete Kusterer
MITTAGSPAUSE im Naturfreundehaus Steinbergle am Killesberg, Stresemannstr. 8
13:30 Stammheim, Kornwestheimerstr. 9, 1 Stein für Paul Stiefel
14:15 Untertürkheim, Schlotterbeckstr. 4, 1 Stein für Christiane Marie Haug
15:00 S-Ost, Hackstr. 16, 1 Stein für Gertrud Bogner
15:30 S-Mitte, Danneckerstr. 34, 1 Stein für Caecilie Lewinsohn

Stolpersteine für Stuttgart am Samsatg, den 9. Oktober 2010 (Uhrzeit-Steinverlegung):

9:15 S-Ost, Abelsbergstr. 52, 1 Stein für Georg Greiner
9:30 S-Ost, Rotenbergstr. 44, 1 Stein für Karl Friedrich Heinrich Conzelmann
9:50 S-Mitte, Stitzenburgstr. 5 B, 2 Steine für Ludwig und Helene Odenheimer
10:00 S-Mitte, Stitzenburgstr. 9 B, 1 Stein für Henriette Schlossberger
10:20 S-Mitte, Alexanderstr. 81, 7 Steine für Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste und Albert Levi
10:40 S-Süd, Immenhofer Str. 16, 2 Steine für Norbert und Hedwig Weitzner
11:00 S-West, Schwabstr. 100, 1 Stein für Lilly Röck
11:30 Botnang, Furtwänglerstr. 18, 2 Steine für Maria und Heinrich Rexer
MITTAGSPAUSE  
13:00 Bad Cannstatt, Badstr. 60, 1 Stein für Karl Munder
13:15 Bad Cannstatt, Helfergasse 27, 1 Stein für Anna Lutz
13:45 Bad Cannstatt, Haldenstr. 8, 1 Stein für Klara Renz
14:10 Bad Cannstatt, Bochumerstr. 9, 1 Stein für Karl Günther Schmidt

Die angegebenen Uhrzeiten können nur eine grobe Orientierung für den geplanten Zeitpunkt der Verlegung sein – Verschiebungen lassen sich trotz sorgfältiger Planung leider nicht ganz ausschließen – Änderungen sind möglich – Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig am Verlegungsort einfinden! Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an den vor Ort stattfindenden Rahmenveranstaltungen jeweils nur kurz teilnehmen! Weitere Infos über die Stolperstein-Initiativen in den Stadtteilen!

im November erschienen:

Unerwünscht

Mehr Infos

im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

Jetzt bestellen...

Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

Mehr Infos

Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

Weitere Infos

Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

 Info und Bestellung

Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter