70 Jahre nach Grafeneck
Schwerpunktaktionen im Gedenkjahr für die "Euthanasie"-Opfer

Stolpersteine für die Opfer der "Euthanasie"Mit besonderen Verlegeschwerpunkten und mit ergänzenden Veranstaltungen erinnern die Stuttgarter Stolpersteininitiativen im Jahr 2010 an die oft verdrängten Gräueltaten der Nazis an kranken, behinderten, alten und anderen als unwert bezeichneten Menschen.

Dass über 500 Stuttgarter und Stuttgarterinnen unter den 10.654 Toten von Grafeneck sind, ist die erschütternde Erkenntnis schwieriger Forschung. Die vergangenen 70 Jahre waren nach der systematischen Verschleierung lange von Verdrängung und öffentlichem Schweigen geprägt.

Was im Schloss Grafeneck bei Münsingen von Januar bis Dezember 1940 geschah, markiert den Beginn eines beispiellosen Zivilisationsbruches, in dessen Verlauf dort und später in 5 weiteren Tötungsanstalten des Reiches insgesamt über 70.000 Menschen planmäßig ermordet wurden.

Das württembergische Innenministerium in Stuttgart sorgte im Südwesten für die organisatorische Umsetzung der "geheimen Reichssache", die in der Tiergartenstrasse in Berlin (T4) gesteuert wurde. Auf der Basis einer zentralen Erfassung mittels Mel¬debögen wurden für alle Heil- und Pflegeanstalten Deportationslisten zu¬sammengestellt. Das Kriterium Arbeitsfähigkeit spielte dabei eine wichtige Rolle.

Wenn die Busse der "Gemeinnützigen Krankentransport GmbH" in dem zynisch als "Landespflegeanstalt" bezeichneten Todesort Grafeneck ankamen, wurden die Deportierten am selben Tag in einer Gaskammer mit Kohlenmonoxid getötet. Die Leichen wurden verbrannt. Ein eigens eingerichtetes Sonderstandesamt sorgte für die bürokratische Ordnung. Mit falschen Angaben wurde die Öffentlichkeit systematisch getäuscht.

Ob es der aufkommende Protest der Öffentlichkeit oder schlicht die Erreichung eines Etappenziels war, lässt sich nicht sicher sagen: Als im Dezember 1940 das Morden in Grafeneck eingestellt wurde, waren 50 Prozent aller württembergischen Anstaltspatienten tot. – danach ging es im hessischen Hadamar sowie in den übrigen Tötungsanstalten des Reiches weiter.


"Lebensunwertes Leben" ?
Das gesellschaftliche Klima war schon vor der Machtübernahme der Nazis von einer zunehmenden Zweckrationalität in Wissenschaft und Politik beherrscht - nicht zuletzt infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise. Die geistigen Vorreiter der Bewertung von Menschenleben rechneten z. B. vor, wie viel Kilo Kartoffeln verfügbar würden, wenn sie nicht an "Ballastexistenzen" oder "geistig Tote" (Binding/Hoche) verfüttert würden.

Bei den Nazis wurde diese barbarische Ideologie zum Programm: Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 legalisierte zunächst Zwangssterilisationen. Für das, was bald unter dem irreführenden Begriff "Gnadentod" zum Massenmord wurde, gab es keine gesetzliche Regelung.

"Volksgenosse, Du hast die Pflicht gesund zu sein", verschärfte sich der Ton bei Kriegsbeginn – die Schwachen wurden zu "Feinden im Inneren" stilisiert, gegen die man sich mit allen Mitteln "zur Wehr setzen" musste.

In sogenannten "Kinderfachabteilungen" wurden bis Kriegsende etwa 5.000 missgebildete Neugeborene und behinderte Kinder getötet, nachdem ihr Leben als "unwert" beurteilt worden war.

Im August 1941 wurde die planmäßige Vernichtung in den Gaskammern der sechs Tötungsanstalten des Reiches eingestellt. Durch bewusst herbeigeführte Unterversorgung von Anstaltspatienten kam es in der Folge bis über das Kriegsende hinaus zu einem massiven Anstieg der Sterblichkeit in den Heil- und Pflegeanstalten. Außerdem wurden Patienten gezielt durch Spritzen getötet.


Die Täter von Grafeneck hatten sich indes für höhere Karrieren qualifiziert: So wurde etwa der Leiter Christian Wirth später Inspekteur der Vernichtungslager. Von den 80 - 100 in Grafeneck Beschäftigten wurden nur 8 angeklagt. Die Richter des Schwurgerichts Tübingen verurteilten 1949 drei Angeklagte wegen "Beihilfe zum Mord" zu Gefängnisstrafen zwischen 18 Monaten und 5 Jahren.

Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen. Abstrakte Gedenkpraktiken werden heute zunehmend von konkreten Fragen zum Schicksal der Opfer – und auch zur Schuld der Täter – abgelöst: Ein Fortschritt in Richtung eines tieferen Verständnisses, zu welchem auch die Stolpersteine beitragen.

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