Heinrich Baumann jun. erzählt

In der Erinnerung erlebe er diese wenigen Jahre mit seinem Vater wie in einem Zeitraffer und – das müsse einem bewusst sein – aus dem Blickwinkel eines Kindes, dessen Welt von der Stöckachstrasse bis zur Hackstrasse reichte und das von der großen Politik nichts mitbekam oder auch nichts mitbekommen sollte. Als der Vater zum ersten Mal verhaftet worden sei, habe die Mutter dem 5-Jährigen gesagt, der Vater habe fortmüssen. Und dann war er wieder da. Er wisse nur, dass der Vater beim Schenker als Lagerverwalter gearbeitet habe. Er sei immer abends um dieselbe Zeit vom „G’schäft“ heimgekommen. Er sehe ihn noch vor sich, wie er mit seiner Aktentasche von der Stöckachstrasse in die Champigny-Strasse eingebogen sei. Da habe er oft auf ihn gewartet. Das sei seine liebste Erinnerung. Sein Vater sei ein sehr korrekter Mann gewesen. Seriös und aufgeschlossen. Er erinnere sich noch gut an seinen Gang und an die Art, wie er mit den Leuten geredet habe. In der Nachbarschaft sei er sehr geachtet gewesen. Das Bild, das im Waldheim Sillenbuch hängt, treffe ihn gut.

Das Leben sei nicht einfach gewesen. Der Vater habe gerade soviel nach Hause gebracht, dass es zum Essen gelangt habe. Wenn es eine Gelegenheit gab, habe die Mutter etwas dazuverdient, z.B. durch Zeitungen austragen. Am Sonntag seien sie halt Spazieren gegangen. Wenn’s dann eine rote Wurst gab, war das schon etwas Besonderes. Nur ganz selten konnten sie sich die Fahrt ins Heimatdorf des Vaters nach Marktlustenau leisten. Sie mussten ja zwei Fahrkarten kaufen, erst für den Zug bis Crailsheim und dann für den Bus ins Dorf. Die Tante, die Schwester des Vaters, habe dort mit ihrem Mann den Hof der Großeltern betrieben. Einmal im Krieg hätten ihn die Verwandten auch abgeholt in Stuttgart und ihn mitgenommen zur Erholung und ihn eine Weile auf dem Land durchgefüttert.

Er vergesse es seinem Vater nicht, wie er von ihm unterstützt worden sei als er 1943 mit fünfzehn aus der Schule kam und Arbeit suchte. Von Firma zu Firma sei er mit ihm gegangen. Und schließlich hätten sie eine Stelle für ihn gefunden. In dieser Firma sei er dann sein ganzes Arbeitsleben lang geblieben. Als sein Vater im August 1944 wieder verhaftet worden sei, sei er nicht zuhause gewesen. Er habe – wie alle Jugendlichen - ins Wehrertüchtigungslager müssen und danach zum Reichsarbeitsdienst. Leider habe er dann doch noch den Einberufungsbefehl bekommen. Als die Todesnachricht aus Dachau kam, sei sein Koffer schon gepackt gewesen. Man habe ihnen gesagt, der Vater war krank und ist gestorben. Dann musste er weg in den Krieg und danach einige Monate in englische Gefangenschaft. Die Mutter sei inzwischen ins Remstal evakuiert worden. Zurück aus der Gefangenschaft sei er auch zuerst ins Remstal gegangen und erst nach einer Weile wieder in die alte Wohnung am Stöckach. Über eines sei er sich immer sicher gewesen: sein Vater sei zu Unrecht verhaftet worden und habe nichts mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 zu tun gehabt.

 2006 aufgezeichnet von Harald Stingele

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

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Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

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