Die Familie Zanger - eine Stütze der Jüdischen Gemeinde
Blumenstr. 27

    “Herr Zanger war als wohlhabender Kaufmann bekannt. Die Familie trat durch ihre Wohltätigkeit und Hilfe an Bedürftige hervor. Herr Zanger, der eine herrliche Stimme besaß, wirkte oft als Kantor und Vorbeter der Gemeinde, besonders an den hohen Feiertagen. Da er es nicht nötig hatte, geldlich dafür entschädigt zu werden, und dies auch verweigerte, zeigte sich ihm die Gemeinde dadurch erkenntlich, indem man ihm einige Male handgearbeitete Silberpokale, mit entsprechender Widmung eingraviert, verehrte. Es war mir bekannt, dass die Familie Zanger am Sabbat und an Feiertagen stets mehrere Arme bewirtete. Ferner war mir bekannt, daß durch die Hilfe und Initiative der Frau Zanger vielen armen Bräuten eine Aussteuer ermöglicht wurde. (Bis kurz vor der Auswanderung des Rabbiners und seiner Frau übersandten die Zangers ihm Geldbeträge für die Armenkasse.) 
Es ist mir in Erinnerung, dass Ende 1938 als ihre beiden ältesten Töchter, Recha und Ella, sowie Herr Zanger in einem Lager an der polnischen Grenze weilten, Frau Zanger mehrere Frauen, deren Männer ebenfalls abgeschoben worden  waren, und auch andere, die ohne Mittel dastanden, bei sich in der Wohnung aufnahm und verköstigte.“

soweit der Bericht von Gertrude Bamberger, der Witwe des damaligen Rabbiners in Stuttgart.

Die Familie Zanger lebte 15 Jahre lang, bis zur Ihrer Deportation, im eigenen Haus, in der Blumenstr. 27, 2. Stock. Der Vater, Moses Zanger (*08.07.1886, in Sokolow/Polen ) war Kaufmann in Rohprodukten, spezialisiert in Altgummi und Autoreifen. Sein Geschäft entwickelte sich sehr erfolgreich, so dass er die jüdische Gemeinde finanziell unterstützen konnte.
Am 1.04.1933 begann der offizielle Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, Ärzte, Rechtsanwälte usw. Die städtischen Behörden begannen Geschäftsverbindungen zu nicht arischen Firmen zu reduzieren und schließlich ganz zu unterbinden. Auch die private Kundschaft wurde aufgefordert, nicht bei Juden zu kaufen, so daß 1936/37 das Geschäft völlig ertraglos wurde. Moses Zanger verkaufte das Haus am 21.02.1938 an die befreundete Familie Fluhr, die ab 1938 dort wohnte.

1938 wollte die deutsche Regierung Juden mit polnischen Pässen nicht mehr im Reichsgebiet dulden. Als die polnische Regierung davon erfuhr, beschloss sie die "Rückwanderung" zu blockieren, indem sie diesen Menschen die polnische Staatsbürgerschaft aberkennen wollte. Dieses Gesetz sollte Ende Oktober in Kraft treten. Als die Deutschen davon hörten, reagierten sie sofort mit der so genannten "Polenaktion". Es waren bereits Listen mit den Namen von 17000 "polnischen" Juden erstellt worden. Da die polnische Regierung die Grenzen bereits dicht gemacht hatte, mussten Tausende im Niemandsland des Grenzstreifens ausharren; andere wurden für einige Monate in Polen interniert. In diesem Zusammenhang kam auch Moses Zanger mit seinen beiden ältesten Töchtern Recha (*01.03.1921, Stuttgart) und Ella (*31.08.1922, Stuttgart) am 30.10.1938 in die polnische Grenzstadt Bentschen (Zbascyn).

Seine Frau Chana Zanger (* 28.08.1886, Rudnika/San, Polen, geb. Schiff, verwitwete Katz) konnte mit ihren drei jüngeren Kindern Salomon (* 19.06.1924, Stuttgart), Meta (*19.3.1927, Stuttgart) und Cilly (*14.07.1929, Stuttgart) in Stuttgart bleiben, da Mütter mit Kindern unter 15 Jahren aus Stuttgart nicht sofort abgeschoben wurden.

Für die beiden älteren Töchter eröffnete sich eine Möglichkeit nach Palästina zu entkommen, wobei Ella zu einer Gruppe von Jugendlichen gehörte, die wegen ihres Alters offiziell nach Palästina ausreisen durfte. Deshalb kam sie im Frühjahr 1939 nach Stuttgart, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Recha gelangte auf illegalem Weg nach Palästina.

Die Tochter Ella erinnert sich: "Mein Vater bekam am 15. Juli 1939 eine Einreise nach Stuttgart. Am 15. August, 2 Wochen vor Ausbruch des Krieges, musste die Familie Stuttgart verlassen. Sie kamen über Krakau nach Tarnow."

Der Vater benutzte seinen Aufenthalt in Stuttgart dazu, sein Geschäft aufzulösen. "Bei ihrer Abfahrt waren sie reichlich mit Kleidung und Wäsche versorgt. Kleidung und Schuhe waren dabei, die für alle mindestens 5 Jahre gereicht hätten, mit eingerechnet das  Wachstum der Kinder. Reichlich Bettwäsche und alles neu. Frau Zanger hatte sehr viel Schmuck und Silber dabei, das sie in einem kleinen Handkoffer mitnahm.“
Dies und der Hausrat wurde auf der Bahn verladen, es kam aber in Polen nicht an weil die Polen die ganzen Umzugsgüter damals an der Grenze angezündet haben. Der Handkoffer wurde Frau Zanger abgenommen.

Als eine ehemalige Nachbarin 1942 von Zangers eine Karte erhielt, ging daraus hervor, daß sie nicht mehr das Nötigste zum Anziehen besaßen. "Auch hatte Frau Zanger, ehe sie wegfuhr, ihren Töchtern einen großen Lift gepackt mit viel Wäsche und Kleinmöbel und abgeschickt. Der Lift kam nie in Palästina an."


Eine Verwandte schickte aus Brüssel Kleidung und Lebensmittelpakete an die Familie, die schwere Zwangsarbeit leisten musste, Hunger litt und fast nichts anzuziehen hatte. Die Kinder wurden als ledige Schüler in Tarnow geführt.

In Tarnow fanden mehrere Vernichtungsaktionen gegen Juden statt, von denen zwei von besonderer Bedeutung und von größerem Ausmaß waren: im Juni 1942 wurden 12000 Juden zusammengetrieben und umgebracht. 11000 Juden wurden nach Belzec (Vernichtungslager) transportiert.
Im September 1943 wurden in Tarnow Hunderte von Juden erschossen und 2000 jüngere Juden nach Plaszow, der Rest nach Belzec, geschickt.

Das Amtsgericht schließt aus den Aussagen der Verwandten, die bis 1941 in brieflichem Kontakt mit den Eltern stand und bis Ende 1942 von den Kindern Briefe erhielt, daß die Eltern, da sie schon älter und nicht mehr so arbeitsfähig waren, spätestens bei der im Juni 1942 durchgeführten Aktion entweder in Tarnow ums Leben kamen oder nach Belzec abtransportiert wurden. Sie haben daher den 31.7.1942 sicher nicht mehr überlebt. Die Kinder sind wahrscheinlich der Aktion vom September 1943 zum Opfer gefallen, da die Zeugin seit Ende 1942 keine Nachricht mehr von ihnen erhalten hat. Hier wurde der 31.10.1943 als Todeszeitpunkt festgesetzt.

Chana Zanger hatte aus ihrer ersten Ehe mit Sholem Katz (gefallen im 1. Weltkrieg) zwei Söhne: Albert Katz (*17.02.1913, Stuttgart) und Leon (*1915, Stuttgart), die bis 1936 im Haus in der Blumenstr. 27 wohnten.

Albert wurde in Stuttgart festgenommen und in das KZ Heuberg gesperrt. Der Vorwand dafür war eine angebliche Liebesbeziehung zu einem christlichen Mädchen. Diese Anschuldigung erwies sich als falsch. Albert Katz konnte nach Belgien zu einer Tante fliehen. Am 27.05.1942 heiratete er Lisbeth Wellner. Zwei Monate später wurde er auf dem Weg zur Arbeit verhaftet und über verschiedene KZ´s schließlich nach
Auschwitz deportiert und 1943 ermordet.

Leon konnte 1936 zu Verwandten nach Straßburg fliehen. Dort wurde er im Krieg interniert. Er konnte nach Kuba flüchten und lebte später in den USA.
Ella lebt heute in Beer-Shewa zusammen mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Sie heißt heute Ruchama Neumann.

In den erhaltenen Berichten aus dem jüdischen Gemeindeleben taucht der Name Moses Zanger häufig auf. So z.B. bei der Einweihung des Betsaals in der Schlosserstrasse 2. 
(siehe dazu www.alemannia-judaica.de).

Recherche, Text: Karin Andre, Barbara Heuss-Czisch, Jennifer Lauxmann

Quellen:
Ruchama Neumann
Stadtarchiv Stuttgart

Zanger Meta

Staatsarchiv Ludwigsburg
Maria Zelzer „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“

 

Spender und Paten der Kleindenkmale:
für Moses Zanger: Eugen Walter Gutknecht, Stuttgart
für Chana Zanger: Anneliese und Dr. Klaus Domke, Ditzingen
für Meta Zanger: Irmgard und Helmut Geieregger, Stuttgart
für Salomon Zanger: Barbara und Ulrich Theiss, Aalen
für Cilly Zanger: Robert Endreß, Weinstadt
für Albert Katz: Dr. Andreas Rothe, Stuttgart


Quellen:
Ruchama Neumann, Beer-Shewa, Israel
Stadtarchiv Stuttgart
Staatsarchiv Ludwigsburg
Maria Zelzer „Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden“

 

 

 

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