Norbert und Emma Weissberg

Stolpersteine für Norbert und Emma Weissberg
in der Böblinger Straße 38 im Stuttgarter Süden

Norbert und Emma Weissberg gehörten zu den Juden, die vor den Verfolgungen und Pogromen in Osteuropa Ende des 19. Jahrhunderts in mittel- und westeuropäische Länder geflohen waren. Das grausame, mit der Ermordung endende Verfolgungsschicksal holte diese "Ostjuden" aber im Deutschland des Nationalsozialismus ein.

Beide wurden im österreich-ungarischen Galizien, heute polnisch, geboren; Norbert Weissberg am 23.1.1881 in Slobotka, Emma Weissberg, geb. Eisner, gesch. Wolfart, am 2.2.1890 in Przemysl. Sie war seine zweite Ehefrau, nachdem er 1933 seine Frau Sidonie, geb. Bleicher im israelitischen Teil des Pragfriedhofs zu Grabe tragen musste. Sidonie war die Mutter seiner beiden Kinder: Tochter Stefanie, geb. 1909, sie heiratete 1929 Karl Pohorille und zog nach Prag. Sohn Hans, geb. 1916, war da noch Gymnasiast.  
Norbert führte lange den jüdischen Vornamen Nehemias, seit 1928 nannte er sich angepasst Norbert, vielleicht aus Gründen des immer stärker werdenden Antisemitismus?

Als Kaufmann betätigte er sich zuerst im Zigarrenhandel, 1911 übernahm er dazu die Papier- und Schreibwarenhandlung Friedrich Schumm, Neckarstraße 90, später mit Filiale in der Tübinger Straße 67. Dazu kam 1916 die von Carl Nollenberger begründete Schreibwaren-, Papier- und Lederwarenhandlung, Eberhardstraße 13. Bis 1922 betrieb er diese drei Geschäfte.  
Von 1913 bis 1925 wohnte er auch mit seiner Familie in der Tübinger Straße 67, bis er 1926 nach Heslach zog in sein eigenes neu gebautes Familienhaus, Gebelsbergstraße 4, das heute noch steht. Das Hauptgeschäft blieb Eberhardstraße 13. Die Filiale in der Tübinger Straße übergab er Rudolf Kohn. 
Dafür eröffnete er in Heslach ein Zweiggeschäft im Gebäude der Deutschen Reichspost, Böblinger Straße 38, Ecke Adlerstraße. Am 27.11.1926 beantragt die Firma N. Weissberg bei der Oberpostdirektion "die Anbringung 3er fest mit dem Gebäude verbundenen Schaukästen", wie es in den Baurechtsakten heißt. Die Front im Parterre entlang der Böblinger Straße war mit Läden und Büros belegt, ein Laden war der von Nehemias Weissberg, Inh. der Firma Carl Nollenberger Nachf. 
Den Laden in der Eberhardstraße gab er alsbald zugunsten anderer Standorte (1929-30 Königstraße 46,  1931-32 Hauptstätterstraße 40) auf, zuletzt musste er noch eine Textilvertretung zum Schreib- und Lederwarengeschäft dazu nehmen. Doch 1932 gehörte ihm das große Haus in der Gebelsbergstr. 4 schon nicht mehr, 1933 starb seine Frau Sidonie. Er wohnte nun Heslacher Wand 8, dann Torstraße 10 und von 1934 bis 1938 schließlich in der Böblinger Straße 38 im Erdgeschoss, wohl in einer Wohnung hinter seinem Laden.

In diese Zeit von 1934 bis 1938 fielen auch die Jahre mit seiner zweiten Frau Emma, die mit ihm zusammen den Weg in die Vernichtung gehen musste. Sie hatten am 7.1.1936 geheiratet. Ihre erste Ehe mit Karl Wolfart war 1933 geschieden worden.

1938 kommt das Ende der Firma Norbert Weissberg. Es nutzte dem jüdischen Laden-Besitzer nichts, dass die Nachbarn in der Böblinger Straße ihn "als einen anständigen, guten und umsichtigen Geschäftsmann" kannten, wie sie später aussagten. Es ist erschütternd heute, in den Handelsregisterakten die Verhandlung vor dem Amtsgericht Stuttgart am 5. September 1938 nachzulesen, in der Norbert Weissberg das Geschäft abgenommen wurde, juristisch vollkommen korrekt: Anwesend: Justiz-Inspektor ... als Urkundsbeamter. Es erscheint, ausgewiesen durch ... Nehemias Weißberg, Kaufmann, Stuttgart-Süd, Hohenstaufenstraße 19 (hier wohnte er schon zwangsweise) und erklärt:
Als Inhaber der im Handelsregister eingetragenen Firma Carl Nollenberger Nachf., Niederlassung Stuttgart, melde ich unter Verzicht auf Nachricht des Erlöschens dieser Firma, nachdem ich das Geschäft derselben aufgegeben habe, zur Eintragung in das Handelsregister an. Bei der Festsetzung der Gebühren bitte ich zu berücksichtigen, dass ich die Geschäftseinrichtung mit den vorhandenen Vorräten zur Zeit versteigern lasse, der Erlös wird gering sein und wird gerade zur Deckung von Verbindlichkeiten ausreichen. Ich selbst habe kein Vermögen.
Unterschrift von N. Weißberg.
Verfügung vom 8. September 1938: Firma erloschen.

Wie mag Norbert Weissberg sich gefühlt haben bei diesem erzwungenen Akt. Auch seine Wohnung war ihm und seiner Frau Emma genommen worden, sie wohnten jetzt in der Hohenstaufenstraße 19. Seinem Sohn Hans ist zu dieser Zeit schon die Flucht nach Palästina gelungen, seine Tochter Stefanie hatte ihn im selben Jahr von Prag aus noch einmal besucht, es war ihr letztes Wiedersehen. Sie rettete sich mit ihrem Mann nach England.

Die Ausgrenzung geht weiter, ablesbar sehr banal an den Adressbüchern der Stadt Stuttgart. 1940 verschwinden die jüdischen Namen aus dem allgemeinen Alphabet so wie auch die Menschen hinter den Namen verschwinden. Sie werden im Anhang separiert in einem Verzeichnis der jüdischen Einwohner, so wie auch Norbert Israel Weissberg mit seiner Frau Emma Sara separiert wird in die Moserstraße 13. Es ist ein "Judenhaus", d.h. der Hausbesitzer ist Jude, zu ihm werden andere Juden hineingezwungen. 7 Namen finden sich mit den befohlenen Zusätzen Israel und Sara, 6 Namen ohne. Welche Enge muss in dem Haus geherrscht haben.
1940 hat diese Liste der jüdischen Namen einen Umfang von 5 ½  Seiten, 1941 sind es noch  4 ½ Seiten, 1942 nur noch  knapp 2 ½ Seiten, 1943 fehlt der jüdische Teil ganz ...

1942 fehlen Weissbergs schon in der Liste, was korrekt richtig ist, denn sie gehörten zu den ersten 1.000 Menschen, die aus Stuttgart deportiert wurden, am 1. Dezember 1941 nach Riga.

Was im Lager Riga-Jungfernhof, einem Außenlager des Ghettos Riga, mit Nehemias genannt Norbert und Emma Weissberg geschah, wird man nie in Erfahrung bringen. Im Alter von 60 und 51 Jahren waren sie vielleicht noch einige Zeit arbeitsfähig und gehörten noch nicht zu den "Abzugebenden", die am 26. März 1942 im Wald von Bikernieki erschossen wurden. Und sie überstanden auch die Kälte in diesem eisigen Winter im Eingangslager Jungfernhof, in den durch den Krieg beschädigten Häusern, Scheunen und Stallungen des ursprünglich landwirtschaftlichen Gutes der Stadt Riga.

"Für tot erklärt auf 31.12.1945" ist nur das amtlich besiegelte Ende dieser beiden Menschen.

Recherche & Text: 2008 / Irma Glaub, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Süd

Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg und Stadtarchiv Stuttgart.

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