Die Größe liegt im Verzeihen
Gedenkfeier für Sinti-Opfer

Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 17.03.2008:

Die Größe liegt im Verzeihen
Gedenkfeier für Sinti-Opfer

 
Zum ersten Mal ist am Samstag in Stuttgart mit einer Feierstunde der deportierten Sinti gedacht worden. Vor 65 Jahren sind vom Nordbahnhof aus 234 Württemberger in das Todeslager Auschwitz geschickt worden.

Von Susanne Janssen

Melancholische Klänge durchziehen das Gelände der Gedenkstätte am Nordbahnhof. Zu hören sind traditionelle Sintimelodien. Zum ersten Mal ist am Samstag der Sinti und Roma aus Württemberg gedacht worden, die am 15. März 1943 den Deportationszug nach Auschwitz besteigen mussten. Eingeladen hatten die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen Zeichen der Erinnerung. Daniel Strauss, der Landesvorsitzende des Verbandes deutscher Sinti und Roma, erklärte, es sei "spät, aber nicht zu spät", dass nun nach 65 Jahren endlich Namen gesammelt worden seien. Er überreichte Roland Ostertag, dem Vorsitzenden von Zeichen der Erinnerung, zwei Bände mit den Namen von etwa 24 000 Sinti und Roma, die in Auschwitz ermordet worden sind.

"Ich kann mitfühlen, was dieser Tag für Sie bedeutet", erklärte Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Gemeinsam sollten sich alle Beteiligten für eine Gesellschaft einsetzen, die jedem Raum bietet. Der katholische Stadtdekan Michael Brock betonte, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes mit unverletzlicher Würde seien. Vielen Katholiken sei nicht bewusst, dass die meisten ermordeten Sinti und Roma Mitglieder ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft gewesen seien.

Die Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch überbrachte die Grüße der Stadt und erinnerte daran, dass 1938 in Stuttgart angeordnet worden war, die Fürsorge für Sinti und Roma auf ein Mindestmaß zu beschränken. Sie zitierte die Auschwitz-Überlebende Philomena Franz, die geschrieben hatte: "Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich."

Die Zeitzeugin ergriff danach im Martinsgemeindehaus selbst das Wort. Philomena Franz wurde 1922 in Biberach geboren und wuchs mit zehn Geschwistern in Stuttgart in einer Musikerfamilie auf. "Ich wollte nie wieder nach Stuttgart zurück", erklärt die jetzt in der Nähe von Köln lebende Frau. Aber im Verzeihen liege die Größe des Menschen. Die junge Frau, die als Sängerin und Tänzerin die Familientradition weiterpflegen wollte, wurde im Krieg dienstverpflichtet, ihr Bruder zur Wehrmacht eingezogen. 1943 wurde auch sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Kurz danach kam sie nach Ravensbrück, wo bereits eine ihrer Schwester untergebracht worden war: "Ich habe sie nicht wiedererkannt", erinnert sich Philomena Franz, von deren Familie nur zwei Brüder überlebten. Aufgerufen als Nummer 10550 - "wir haben fast unsere Namen vergessen" - kam sie dann zur Bombenproduktion in ein neues Lager in Thüringen. Ein Fluchtversuch scheitert nach acht Tagen, während dieser Zeit wurde ihre Schwester gefoltert. Auch sie erwarteten Dunkelzelle, Schläge, Tritte, Hunger. In Auschwitz musste sie mit einer Schaufel die Menschenasche aus dem Krematorium auf Eisenbahnloren umladen, nur knapp entkam sie selbst diesem Tod. Nach dem Krieg hat sie sich als Zeitzeugin für die Versöhnung eingesetzt und in vielen Schulen über ihren Lebensweg berichtet.
 
Aktualisiert: 17.03.2008 06:41 Uhr

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