Lilo Herrmann, Hölderlinstraße 22

Lilo Herrmann gehört zu den bekanntesten Opfern des "Dritten Reiches". Sie wurde am 23.6.1909 in Berlin in bürgerlichen Verhältnissen geboren. Weil der Vater als Ingenieur beruflich mehrmals umziehen musste, verlebte sie ihre Jugend zeitweise in Gießen, Frankfurt und Berlin.

1929 zog die Familie nach Stuttgart in die Hölderlinstraße und Lilo begann an der Technischen Hochschule ein Chemiestudium. Während ihres Studiums wurde sie Mitglied im kommunistischen Jugendverband, sie besuchte Abendveranstaltungen der marxistischen Arbeiterschule und verfasste Artikel für Zeitschriften und Flugblätter. Die Eltern waren mit Lilos politischem Engagement nicht einverstanden, tolerierten es aber. Nach vier Semestern ging Lilo an die Universität nach Berlin, um dort Biologie zu studieren. 1931 trat sie in die KPD ein und beteiligte sich an den Veranstaltungen der Studentengruppe.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurden die jüdischen Studenten und Professoren von den Universitäten verwiesen. Ein als Protest gegen diese Terrormaßnahme verfasster "Aufruf zur Verteidigung demokratischer Rechte und Freiheiten an der Berliner Universität" wurde auch von Lilo Herrmann unterschrieben. Mit 110 weiteren Unterzeichnern wurde sie deshalb von der Universität ausgeschlossen. Sie blieb weiterhin in Berlin und beteiligte sich am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ihren Lebensunterhalt verdiente sich Lilo Herrmann als Kindermädchen.

In ihrer Wohnung versteckte sie eine Zeitlang Fritz Rau, einen ihr aus Stuttgart bekannten Redakteur, der illegal in Berlin agierte. Rau wurde der Vater ihres Sohnes Walter, den sie im Mai 1935 zur Welt brachte. Lilo Herrmann mit Sohn Walter Der Vater sah sein Kind nie, er war bereits im Dezember 1934 im Gefängnis während der Gestapoverhöre gestorben. Im Herbst 1934 übersiedelte Lilo mit ihrem kleinen Sohn zu ihren Eltern nach Stuttgart. Nach dem Besuch einer Handelsschule arbeitete sie als Stenotypistin im Ingenieurbüro ihres Vaters. In dieser Zeit nahm sie den Kontakt zu einer Stuttgarter Widerstandsgruppe um den Bezirksleiter Stefan Lovasz auf. Obwohl Hitlerdeutschland sich damals, besonders im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen 1936, der Welt als Friedensstaat präsentierte, waren die Vorbereitungen für einen Eroberungskrieg bereits im vollen Gange. Deshalb sah es der antifaschistische Widerstand als seine wichtigste Aufgabe an, diese heimliche Aufrüstung der Welt bekannt zu machen.

Im Rahmen seiner Antikriegsarbeit" sollten Dokumente über illegale Rüstungsbetriebe an die ausländische Presse geschmuggelt werden. So z. B. als ihm 1935 bekannt wurde, dass in den Dornier-Werken in Friedrichhafen entgegen den Bestimmungen der Versailler Verträge, serienweise Kampfbomber produziert wurden. Zufällig kam man auch an Pläne über eine unterirdische Munitionsfabrik bei Celle. An der Weitergabe dieser Informationen war auch Lilo Herrmann beteiligt, als sie mit ihrem Vater geschäftlich die Schweiz besuchte.

Am 7.12.1935 um 6 Uhr morgens wurde Lilo Herrmann in der elterlichen Wohnung in der Hölderlinstraße verhaftet; bei der Durchsuchung fand man hinter einem Spiegel den Plan der Munitionsfabrik. Es dauerte 19 Monate, bis Lilo Herrmann nach unzähligen Verhören im berüchtigten "Hotel Silber" der Gestapo in Stuttgart vor Gericht gestellt wurde. Lilo hatte sich trotz physischem und psychischem Druck stets geweigert, Aussagen zu machen und ihre Mitangeklagten zu belasten. Am 12.6.1937 wurde Lilo Herrmann zusammen mit den Mitangeklagten Stefan Lovasz, Artur Göritz und Josef Steidle "wegen Landesverrats" zum Tode verurteilt. Gegen das Urteil dieses so genannten Volksgerichtshofes gab es keinerlei Rechtsmittel, er entschied in erster und letzter Instanz. Die Gefangenen wurden zur Hinrichtung nach Berlin verlegt.

Als das Urteil in der Öffentlichkeit bekannt wurde, gab es internationale Proteste. Initiativen in England, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei versuchten, mit Unterschriften und Protestschreiben die Hinrichtung der jungen Mutter zu  verhindern. Während ihrer Zeit im Zuchthaus waren die Gedanken Lilos immer wieder bei ihrem kleinen Sohn, den sie bis zu ihrem Tode nie mehr wiedersehen sollte. Ihr Gnadengesuch wurde von Hitler persönlich abgelehnt.

Am 20.6.1938 wurde Lilo Herrmann zusammen mit ihren Mitverurteilten im Zuchthaus Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet, ihre Leichen wurden der Anatomie überstellt. Im nachfolgenden Jahr begann mit dem Überfall auf Polen der schon lange geplante Weltkrieg, den Lilo mit ihren Freunden hatte verhindern wollen.

Das Andenken an Lilo Herrmann wurde in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten sehr unterschiedlich betrieben. Während sie in der Bundesrepublik, wo in erster Linie die Opfer des 20. Juli 1944 um Stauffenberg geehrt wurden, als Kommunistin mehr oder weniger totgeschwiegen wurde, stilisierte man sie in der DDR mit mythenhafter Ausschmückung ihres Leidenswegs zur "Ikone" des antifaschistischen Widerstands. Viele Straßen, Schulen, Kindergärten und sogar eine Pädagogische Hochschule wurden nach ihr benannt. Der auch in Stuttgart bekannte Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf schrieb ein biographisches Poem über Lilo Herrmann, das, von Paul Dessau vertont, im Musikunterricht Verwendung fand. Die DEFA produzierte nach einem Buch von Stephan Hermlin einen Film, der 1987 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde.

In Stuttgart kam es Ende der  80er-Jahre im Zusammenhang mit der Verlegung eines Gedenksteins zu einem Historikerstreit um die Rolle von Lilo Herrmann. Heute wäre es Zeit, dieser historischen Figur sachlicher zu begegnen. Der Wissenschaftler Lothar Letsche, der sich eingehend mit Lilo Herrmanns Schicksal auseinander gesetzt hat, berichtete direkt nach der Verlegung bei einer gut besuchten Veranstaltung in der Gedächtniskirche über die Fakten.

Besonders gefreut hat es uns, dass Walter Herrmann, der Sohn Lilos, zur Verlegung des Stolpersteins am 14. März 2008 nach Stuttgart gekommen war. Auch Schülergruppen des Hölderlin- und des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums beteiligten sich aktiv.

Text & Recherche: Jörg Kurz, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Nord, März 2008

Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg und Stadtarchiv Stuttgart.

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