Der vergessene Zug der Sinti
Ein Historiker erforscht das Schicksal von 234 Deportierten

Artikel aus den STUTTGARTER NACHRICHTEN vom 13.03.2008:

Der vergessene Zug der Sinti
Ein Historiker erforscht das Schicksal von 234 Deportierten

 
Am kommenden Samstag jährt sich zum 65. Mal der größte Deportationstransport württembergischer Sinti nach Auschwitz. Der Diözesanhistoriker Stephan M. Janker hat das Schicksal der 234 Opfer erforscht, die am 15. März 1943 vom Stuttgarter Güterbahnhof die Reise ins Vernichtungslager antraten.

VON JÜRGEN LESSAT

Am 15. März 1943 nach Einbruch der Dunkelheit verließ der Güterzug, in dessen Viehwaggons 234 Sinti aus Württemberg-Hohenzollern zusammengepfercht waren, den Stuttgarter Güterbahnhof. Zwei Tage später erreichte der Transport die Rampe in Auschwitz. Aus dem gesamten Reich brachten die Märzdeportationen 12 000 Sinti und Roma in den Lagerabschnitt B II e, das sogenannte Zigeunerlager des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Mit den Deportationen wurde der sogenannte Auschwitz-Erlass Heinrich Himmlers umgesetzt, mit dem die Nationalsozialisten auch diesen Teil der deutschen Bevölkerung auszulöschen versuchten.

"Viele württembergische Sinti erfuhren erst bei ihrer Festnahme, dass sie dieser Minderheit angehörten", sagt Stephan M. Janker, der sich zwei Jahre lang im Auftrag des Recherche-Netzwerks der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen mit dem vergessenen Schicksal der Verschleppten befasst hat. Die Forschungen des Diözesanhistorikers waren nicht einfach. "Es gibt kaum Quellen", so Janker. In den wissenschaftlichen Standardwerken zur NS-Diktatur sind Sinti bis heute allenfalls Fußnoten. Alte Adressbücher verrieten nichts wegen der gängigen Namen der Opfer. Fündig wurde Janker in zwei Lagerbüchern aus Auschwitz, in denen Name, Geburtsort und Aufnahmetag von 22 000 Menschen überliefert sind.

Diese Daten verglich er mit hiesigen Einwohnermeldekarteien, aus denen deportierte Sinti penibel ausgetragen wurden. Hinweise lieferten auch Gefängnisbücher der Polizei. Auf diese Weise ist auch die Überführung einer dreiköpfigen Sinti-Familie aus dem Schorndorfer Gefängnis zum Stuttgarter Güterbahnhof überliefert. Mit drei Mann Bewachung, wie in der Rechnung festgehalten ist, die von den Opfern zu bezahlen war. "Wir wissen heute sehr genau, wer mit dem größten Transport württembergischer Sinti nach Auschwitz kam", so Janker. Die Hälfte der Deportierten waren Kinder und Jugendliche.

Zwölf der verschleppten Sinti wohnten in Stuttgart. "Nur 27 Personen haben das Konzentrationslager überlebt, die große Mehrheit wurde von den Nazis ermordet", so Stephan M. Janker.
 
Aktualisiert: 13.03.2008 06:42 Uhr

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