Stolpersteine für Stuttgart am 14. und 15. März 2008

Stolpersteine erzählen Lebensgeschichten ? 9. Verlegungsaktion in Stuttgart seit 2003 ? Gedenken an den 65. Jahrestag der Deportation der württembergischen Sinti nach Auschwitz-Birkenau

Für Gunter Demnig ist die Verlegung von 68 Stolpersteinen an zwei Tagen physisch und psychisch kein leichtes Unterfangen, obwohl er seit 1996 in über 305 Städten und Dörfern mittlerweile weit über 14 000 Stolpersteine in Gehwege eingebracht hat. Dabei beschränkt er sich nicht auf Deutschland. Die bündig eingelassenen Mahnmale erinnern auch in Österreich, Italien, den Niederlanden und Ungarn an Opfer des Nationalsozialismus, an Juden, aber auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Behinderte.

Auch die neuen Stolpersteine machen wieder Schicksale greifbar und konkret. Sie erzählen Lebensgeschichten, die von 14 in Stuttgart fast flächendeckend tätigen Initiativen und vier Arbeitskreisen aufwendig ehrenamtlich erforscht wurden und bei den individuell gestalteten, teilweise von Musik umrahmten Verlegungen vorgetragen werden. Hier einige Beispiele:

In der Reutlinger Str. 73 in Degerloch werden Stolpersteine für den 29-jährigen Felix David, seine 27-jährige Frau Ruth, den 2-jährigen Sohn Benjamin und den fünf Monate alten Sohn Gideon verlegt. Felix David war Lehrer an der Jüdischen Schule in Stuttgart. Kurz nach der Reichspogromnacht wählten er und seine Familie aus Verzweiflung den Freitod. Zwei Jahre zuvor hatte er unter Einsatz seines Lebens im Neckar eine Frau vor dem Ertrinken gerettet. Der damalige Stuttgarter Polizeipräsident wollte ihn für diese Rettungstat öffentlich belobigen, doch der Innenminister lehnte ab: die Allgemeinheit würde dies nicht verstehen.

Für ein ganz anderes Schicksal steht der Stolperstein für Georg Wohlleben in der Botnanger Beethovenstr. 58. Er wurde 1935 verhaftet, weil er Flugblätter verteilt und der ?Roten Hilfe? angehört haben soll. 1937 wurde er wegen ?Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens? zu 5 ½ Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe kam er sofort in ?Schutzhaft?: zuerst ins KZ Dachau, später nach Neuengamme. Zwar wurde er im Mai 1945 befreit, doch hatte er sich in der Haft eine TBC zugezogen, die im November 1947 zu seinem Tod führte. Auch Hermann Thalmessinger, Johannesstr. 40, überlebte. Er war als Jude 1944 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden. Doch körperlich und seelisch war er durch das Erfahrene so am Ende, dass er bis zu seinem Tod im Sommer 1946 in verschiedenen Heilanstalten leben musste.

Erstmals werden Stolpersteine auch auf dem Stuttgarter Marktplatz verlegt. Sie erinnern dort, wo sich heute das Haus eines Herrenausstatters befindet, an den Dekorateur Eugen Peisak, der frisch vermählt mit seiner Frau Margot, an die bereits ein Stolperstein in Würzburg erinnert, am 1. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurde. Im gleichen Haus hatte Lina Baum ein Tabakwarengeschäft. Ebenso wie ihre beiden Töchter und die Schwiegersöhne wurde sie ermordet. Tochter Alice und ihr Mann Leo Allmeyer bekommen in der Eberhardstr. 49 Stolpersteine. An Tochter Emma und ihren Mann Paul Pick werden Stolpersteine in der Augustenstr. 39 B erinnern. Dies entspricht dem großen Bedürfnis des heute in Mexiko lebenden Sohns Richard Pick, der aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stuttgart kommen kann. Er war als einer der ersten amerikanischen Soldaten kurz nach der Besetzung im April 1945 in Stuttgart, um seine Eltern zu suchen. Deren Schicksal erfuhr er erst zwei Monate später, als er durch einen glücklichen Zufall seinen Bruder Lutz wieder traf. Dieser war mit den Eltern deportiert worden, hatte die mehr als drei Jahre Konzentrations- und Vernichtungs-lager aber überlebt. Richard Picks Verhältnis zu Stuttgart heute? Er schreibt dazu: ?Die Vergangenheit drückt zu stark auf mich. Die vielen traurigen Erfahrungen überwiegen die verhältnismäßig guten Erinnerungen meiner Kindheit.?  

Schüler des Wirtschaftsgymnasiums West haben die Schicksale von Kaufmann Leon Lieblich und seiner Tochter Anne, Schickstr. 8, recherchiert. Sie gestalten auch die Verlegung, zu der eine Verwandte aus Brasilien und der Landesrabbiner erwartet werden. Und eine Verwandte aus Karlsruhe wird bei der Verlegung der Stolpersteine für Nelly und Lisa Jordan, Augustenstr. 39 A anwesend sein.

Helene Nördlinger, die Schwiegermutter des Malers Reinhold Nägele, erhält einen Stolperstein vor dem Haus Hölderlinstr. 7. Nur wenig entfernt, Hölderlinstr. 22, wird Lilo Herrmann gedacht werden, der neben Sophie Scholl wohl bekanntesten Frau im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Um den Krieg zu verhindern, schmuggelte sie Pläne über heimliche Aufrüstungsprojekte zu Freunden in die Schweiz. 1935 wurde sie verhaftet, zum Tode verurteilt und 1938 hingerichtet. Das Bild der jungen Mutter mit ihrem kleinen Söhnchen auf dem Arm ging schon damals durch die Presse Europas. Schülerinnen und Schüler des benachbarten Hölderlin-Gymnasiums werden bei der Verlegung mitwirken und eine Dokumentation über die Widerstandskämpferin erarbeiten.  

Martha Häberle, Mittelstr. 4, war Jüdin, ihr Mann evangelisch. Viele Jahre war sie daher einigermaßen geschützt, bis sie schließlich die Nachricht erhielt, dass sie am 12. Februar 1945 nach Theresienstadt gebracht werden sollte. Um weiteren Qualen und Demütigungen zu entkommen, nahm sie sich voller Verzweiflung mit einer Überdosis Veronal das Leben. Von den 57 Personen dieses Transports kamen 55 zurück. Martha Häberle hätte dabei sein können.

Einen Schwerpunkt der Verlegungsaktion bilden die Stuttgarter Sinti, deren Schicksal in den vergangenen zwei Jahren eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Diözesanhistorikers Dr. Stephan M. Janker erforscht hat. An ermordete Kinder, Frauen und Männer im Alter von 3 bis 61 Jahren soll jetzt mit 21 Stolpersteinen in Stuttgart-Ost, Bad Cannstatt, Vaihingen und Feuerbach erinnert werden. 12 von ihnen waren in einem fast unbekannten Deportationszug mit 234 in Viehwaggons zusammengepferchten Sinti aus Württemberg-Hohenzollern, der am 15. März 1943 den Stuttgarter Güterbahnhof mit dem Ziel Auschwitz-Birkenau verließ. Vermutlich haben nur etwa 15 Prozent überlebt. Bei der Verlegung von sechs Steinen für Angehörige der Familie Schneck in der Stöckachstr. 28 sind Schüler und Lehrer der Ostheimer Schule beteiligt, in die Donatus Schneck und seine Schwester Elisabeth gingen. Elisabeth Guttenberger, geb. Schneck überlebte Auschwitz. Sie bedauert sehr, aus gesundheitlichen Gründen nicht bei der Verlegung sein zu können. Ihre Erfahrungen und Wünsche wird die Rektorin der Ostheimer Schule, Gudrun D. Greth, überbringen.

Allen Ermordeten des Deportationstransports für Sinti wird am 15. März um 18 Uhr dort gedacht, wo sich 65 Jahre zuvor ihr Zug in Bewegung gesetzt hat, in der Gedenkstätte ?Zeichen der Erinnerung? in der Otto-Umfried-Straße. Wenige Schritte entfernt findet danach um 20 Uhr im Martinsgemeindehaus, Nordbahnhofstr. 58, ein ?Abend der Erinnerung? statt, bei dem die Zeitzeugin Philomena Franz berichten wird. 

Weitere Einzelheiten zur Stolpersteinverlegung können dem angefügten Zeitrahmen entnommen oder bei den Kontaktadressen der Stadtteil-Initiativen erfragt werden. Nähere Informationen zum Schicksal der Opfer, für die jetzt Steine gesetzt werden, finden Sie demnächst auch unter dem Menüpunkt "Biografien".

Die angegebenen Uhrzeiten können nur eine grobe Orientierung für den geplanten Zeitpunkt der Verlegung sein - Verschiebungen lassen sich trotz sorgfältiger Planung leider nicht ganz ausschließen - Änderungen sind möglich - Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig am Verlegungsort einfinden! Aufgrund des eng bemessenen Zeitplans kann Gunter Demnig an den vor Ort stattfindenden Rahmenveranstaltungen jeweils nur kurz teilnehmen!

Stolpersteine für Stuttgart am Freitag, den 14. März 2008 (Uhrzeit~Steinverlegung):

8:00 S-Nord  Hölderlinstr. 7 1 Stein für Helene Nördlinger
8:20 S-Nord  Hölderlinstr. 22   1 Stein für Lilo Herrmann
9:00 S-Ost 
Stöckachstr. 28   6 Steine für Josef, Sofie, Pauline, Donatus, Gisela + Josef Maria Schneck (Musik: Zigeli-Winter-Quartett)
9:30 S-Mitte  Gaisburgstr. 18   2 Steine für Thekla + Otto Rothschild
9:50 S-Süd  Mittelstr. 4 1 Stein für Martha Häberle
10:10 S-Mitte  Schickstr. 8 2 Steine für Anne + Leon Lieblich
10:40 S-West 

Augustenstr. 49

1 Stein für Gertrud Haarburger

11:00 S-West

Augustenstr. 39 A
Augustenstr. 39 B

2 Steine für Helene Luise ?Nelly? + Lisa Jordan
2 Steine für Emma + Paul Pick

11:30 S-West  Johannesstr. 40   1 Stein für Hermann Thalmessinger
12:00 Vaihingen  Büsnauerstr. 260   1 Stein für Friederike Reinhardt
13:30 Cannstatt  König-Karl-Str. 66  1 Stein für Fritz Rosenfelder
14:00 Cannstatt  Badstr. 40   2 Steine für Ida + Max Heinrich Rothschild
14:30 Cannstatt  Düsseldorfer Str. 59  1 Stein für Johannes Reinhardt (Musik: Zigeli-Winter-Quartett)
15:00 Cannstatt  Auf der Steig 108  1 Stein für Maria Reinhardt
15:10 Cannstatt  Neckartalstr. 145   5 Steine für August, Friederike + Johann Reinhardt, Heinz + Josef
16:00 S-Mitte  Eberhardstr. 49   2 Steine für Alice + Leo Allmeyer
16:30 S-Mitte  Marktplatz 19   2 Steine für Lina Baum, Eugen Peisak

 Stolpersteine für Stuttgart am Samstag, den 15. März 2008 (Uhrzeit~Steinverlegung):

8:00 S-Süd  Böblinger Str. 38   2 Steine für Emma + Norbert Weissberg
8:20 S-Süd  Hohenstaufenstr. 17 A  11 Stein für Sigmunde Friedmann
8:50 Botnang  Beethovenstr. 58   1 Stein für Georg Wohlleben
9:20 Feuerbach  Hohewartstr. 21-23  2 Steine für Pauline Falk, Sophie Weischedel
9:40 Feuerbach  Stuttgarter Str. 114  7 Steine für Franz, Johanna, Rudi, Adele Jolanta,  Julietta, Roswitha + Marie-Adelheid Reinhardt (Musik: Zigeli-Winter-Quartett)

10:10 S-Nord 

Birkenwaldstr. 60 1 Stein für Dr. med. Cäsar Hirsch
10:30 S-Nord

Lenzhalde 84  

2 Steine für Bertha Sichel, Ada Rothschild

11:00 S-Nord 

Seestr. 112
Seestr. 114

4 Steine für Kornelia + Lucie Mayer, Käthe + Eva Stettiner
1 Stein für Gertrud Lazarus

12:00 Degerloch  Königsträßle 34   2 Steine für Berta + Stefan Salomon Frank
12:20 Degerloch  Felix-Dahn-Str. 73  2 Steine für Alice + Richard Vogel
12:40 Degerloch  Reutlinger Str. 73

 5 Steine für Rosa Rosen, Ruth, Felix, Benjamin + Gideon David

13:10 Degerloch  Entringer Str. 39   1 Stein für Robert Harburger
13:30 Degerloch  Weidachstr. 16  

3 Steine für Auguste, Heinrich + Edith Stern

 

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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