Maximilian und Emma Veit, Relenbergstraße 66

Das jüdische Ehepaar Maximilian und Emma Veit wohnte mit den beiden Kindern Dora - geb. 1912 -  und Hans - geb. 1914 - bis zur Deportation in der Relenbergstraße 66.  Emma Veit- geb. 1884 -, mit Mädchenname Vanderwarth, stammte aus Nürnberg.
Relenbergstr. 66Die Verfolgung und letztendlich die Auslöschung der Familie vollzog sich wie für die meisten Bürger im Dritten Reich in einem sich länger hinziehenden schmerzlichen Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung und Vernichtung, den wir zum Teil noch nachverfolgen können.
Maximilian Veit - geb. 1869 in Stuttgart - war Teilhaber der Firma Veit & Co, Herren- und Sportkleiderfabrik in der Steinstraße 3 in Stuttgart.  Er gehörte damit zu einer der angesehenen jüdischen Kaufmannsfamilien in Stuttgart, die sich mit der Textilherstellung beschäftigten.  Seine Eltern waren im 19. Jahrhundert aus dem Badischen nach Stuttgart zugereist.

Das Aus für einen jüdischen Geschäftsmann

Der Aufruf der Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte Anfang April 1933, bereits kurz nach Hitlers Machtergreifung, war ein Hinweis darauf, dass jüdische Geschäftsleute keine Zukunft mehr im neuen Reich hatten.  Mit dem Reichsbürgergesetz, den sog. Nürnberger Gesetzen, vom September 1935 wurden alle Juden in Deutschland, so auch die Veits, von Reichsbürgern zu Staatsangehörigen minderen Rechts degradiert.  In der Folge wurde Jahr um Jahr durch weitere Verordnungen ihre wirtschaftliche Existenz immer mehr eingeschränkt, die alltäglichsten Lebensmöglichkeiten wurden ihnen Schritt um Schritt genommen.

Entscheidung gegen die Auswanderung

Im November 1938 wurde die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Stuttgart in der Hospitalstraße zerstört.  Anschließend wurden alle jüdischen Männer zwischen 18 und 50 Jahren verhaftet und in die Konzentrationslager Welzheim und Dachau verbracht, wo sie zum Teil mehrere Wochen festgehalten wurden.  Maximilian Veit war bereits 69 Jahre alt und wurde deshalb vermutlich nicht festgenommen.  Viele Juden bemühten sich nun um ihre Auswanderung, nicht so das Ehepaar Veit.  Noch ahnten sie nicht, was ihnen bevorstehen würde.  Wegen ihres Alters sahen sie wohl in der Emigration für sich keine befriedigende Zukunft mehr.  Anders ihre beiden Kinder; der 1914 geborene Hans Veit entschied sich schon im Oktober 1936 zur Auswanderung nach Südafrika.  Der 1912 geborenen Tochter Dora Veit gelang noch kurz vor dem Krieg - im Juni 1939 - die Emigration nach Großbritannien.  Auf diese Weise überlebten sie den Holocaust. Dora Veit kehrte im Herbst 1946 nach Deutschland zurück.
 
Der Weg von Emma und Maximilian Veit in die Deportation

Für die nun allein zurück gebliebenen Eltern begann ein schwerer Weg. 
Zynischerweise mussten die Juden selbst die Kosten für die Wiederherstellung der in der Pogromnacht im November 1938 zerstörten Synagogen und jüdischen Geschäfte tragen. 
Zudem wurde der Judenheit in Deutschland die Zahlung einer "Sühneleistung" in Höhe von einer Million Reichsmark auferlegt. Für Maximilian Veit bedeutete dies, dass er zunächst 20 Prozent, am Ende sogar 25 Prozent seines Vermögens abzugeben hatte.  Am 3. Dezember 1938 folgte das Verbot, Schmuck und Edelmetall zu erwerben oder zu verkaufen.  Alle Wertpapiere von Juden wurden auf einem Sperrdepot eingefroren. Drei Monate später mussten Juden durch eine Verordnung vom 1. März 1939 ihre Juwelen und alle Gegenstände aus Edelmetall bis auf einen Wert von 150 Reichsmark abgeben.  Auch das Ehepaar Veit lieferte am 22. März bei der Pfandleihanstalt in Stuttgart 35 Gegenstände aus Silber und zwei Gegenstände aus Gold ab.  Der Gegenwert wurde auf ein Sperrkonto beim Bankhaus Paul Kapff in Stuttgart überwiesen, ohne dass die Veits jemals wieder darüber verfügen konnten.  Nach dem Griff auf das bewegliche Vermögen folgte ab April 1939 der Rauswurf aus ihren Wohnungen.  Juden sollten in Zukunft beengter wohnen und in Sammelunterkünften untergebracht werden.  Im Stuttgarter Adressbuch erscheinen die Namen von Emma "Sara" Veit und Max "Israel" Veit jetzt nicht mehr unter der Adresse Relenbergstraße 66, 1. Stock, sondern unter der Adresse Hauptmannsreute 7, Erdgeschoss.  In derselben Wohnung sind noch vier weitere jüdische Namen verzeichnet.

Am 1. Dezember 1941 ging der erste Transport mit 981 Juden vom Sammelort auf dem Stuttgarter Killesberg in die Vernichtungsanstalten in den Osten.  Ihm folgten bis zum 12. Februar 1945 noch acht weitere Transporte.  Der vierte Transport mit 1100 Juden, es war der größte von allen, ging am 22. August 1942 vom Stuttgarter Killesberg in das Ghetto Theresienstadt.  Nur 51 der Deportierten überlebten.  Mit diesem Transport wurden auch Emma und Maximilian Veit wie auch Maximilians Schwester Helene deportiert.  Sie hatte als Klavierlehrerin in Stuttgart im Adelheidweg 3 gelebt.  Es waren meist ältere Menschen, die für diesen Transport zusammengestellt worden waren.  Man hatte ihnen vorgegaukelt, dass sie nicht zum Arbeitseinsatz wie die Jüngeren kämen, sondern in ein Vorzugsghetto für alte Menschen.  Man bot den Deportierten darum an, über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland sog. Heimeinkaufsverträge abzuschließen.  Damit sollte ein Eintrittsgeld in Höhe von 2.000 Reichsmark und ein Pflegegeld von monatlich 180 Reichsmark für die vorgesehene Gemeinschaftsverpflegung im Voraus abgegolten werden.  Gleichzeitig wurde an die Spendenwilligkeit der Begüterten appelliert.  Damit sollten die Kosten für Gemeinschaftsunterbringung der Hilfsbedürftigen aufgebracht werden.  Das Ehepaar Veit erwarb einen "Einkaufsvertrag ins Altersheim Theresienstadt" in Höhe von 10.000 Reichsmark.  Die Schwester Helene Veit überwies 7.000 Reichsmark.  Mitnehmen durfte jeder nur einen Koffer oder Rucksack, Männer maximal drei Anzüge, Frauen maximal vier Kleider, Bargeld nur 50 Reichsmark pro Person, an Edelmetall und Schmuck nur der Ehering.

Bei der Abfahrt an der Rampe hinter dem Stuttgarter Pragfriedhof wurden die alten Menschen in Viehwaggons gesperrt, eng gedrängt.  Auch Kranke und Gebrechliche wurden nicht verschont.  Einige von ihnen waren schon unterwegs verstorben.  In Theresienstadt, der ehemaligen österreichischen Festungsstadt, fanden die Ankömmlinge eine völlig überfüllte Lagerstadt vor.  Die meisten Stuttgarter wurden auf dem Dachboden einer ehemaligen Kaserne untergebracht. Teilweise mussten die Menschen auf dem bloßen Boden ohne Decken kampieren.  Ihr Gepäck haben sie nie wieder gesehen.  Helene Veit, die Schwester von Maximilian, hielt den Entbehrungen nicht stand.  Sie starb bereits nach wenigen Tagen, 75-jährig, am 4. September 1942.  Auch Maximilian Veit ist knapp ein Jahr später an den Folgen von Hunger und Krankheit am 15. Juni 1943 im Alter von 74 Jahren in Theresienstadt verstorben.  Von Emma Veit wissen wir nur, dass sie am 16. Mai 1944 mit einem Transport von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert wurde.  Dort kam der Transport mit 2447 Juden am folgenden Tag an.  Es waren 576 Männer und Jungen und 1871 Frauen und Mädchen.  Letztere bekamen die Nummern A 1000 bis A 1999 sowie A 2751 bis A 3621.  Bürokratisch genau registrierte die SS selbst jetzt noch ihre Opfer.  Unter diesen war auch Emma Veit.  Mit dieser Registrierung auf der Transportliste verliert sich ihre Spur.  Ihr Leben endete höchst wahrscheinlich mit 60 Jahren in den Gaskammern und im Feuer von Auschwitz-Birkenau.

Recherche & Text: 05/2007, Dr. Eberhard Röhm, Initiative Stolpersteine Stuttgart-Nord.

Quellen:Staatsarchiv Ludwigsburg und Stadtarchiv Stuttgart.

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