Die Opfer Hitler-Deutschlands bekommen Namen

Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.11.2006:

Vor 68 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen:
Auch in Stuttgart gibt es neue Stolpersteine gegen das Vergessen
Die Opfer Hitler-Deutschlands bekommen Namen

Von vielen unbemerkt ist Stuttgart zu einem öffentlichen Erinnerungsort der Schrecken Hitler-Deutschlands geworden. Seit drei Jahren verlegen Initiativen so genannte Stolpersteine in den Bürgersteigen der Stadt. Sie sollen den Menschen die Schicksale der Opfer des nationalsozialistischen Regimes aufzeigen. Von heute an kommen 61 weitere Steine hinzu.

VON WALTHER ROSENBERGER

Im April 1945 ist die militärische Lage für die deutschen Verteidiger aussichtslos. In Baden-Württemberg haben französische Truppen den Rhein überquert. Panzer sind von Westen her weit ins Land eingedrungen. Tiefflieger der Alliierten machen Jagd auf alles, was sich bewegt. Jeder Widerstand ist zwecklos geworden. In dieser Situation beschließt Eugen Spilger aufzugeben. Einen Kollegen vom Volkssturm fordert der damals 24-jährige Techniker auf, seine Waffe in den Graben zu werfen und nach Hause zu gehen, zu seiner Frau und den Kindern. Der Krieg sei verloren, jedes weitere Opfer sinnlos. Damit hat Spilger sein eigenes Todesurteil gesprochen. Zwei Tage später ist er tot, erschossen von seinen eigenen Kollegen des Volkssturms, nach einem juristischen Verfahren, das allen Anforderungen an Rechtsstaatlichkeit spottet. Der Vorwurf: Wehrkraftzersetzung.

Lange war Spilger einer der vielen Namenlosen, deren Schicksal in Archiven verstaubte und deren Geschichte mit dem Tod von Angehörigen und Zeitzeugen ebenfalls erstarb. Seit Oktober 2003 haben einige der Stuttgarter Opfer ihren Namen wieder zurück. Damals begann der Kölner Künstler Gunter Demnig, in der Landeshauptstadt erste Stolpersteine im Asphalt vor den ehemaligen Wohnhäusern der Toten zu verlegen - kleine Messingplaketten mit Namen, Geburts- und Sterbedatum sowie Anklagepunkten. Mittlerweile sind im ganzen Bundesgebiet rund 9000 der Steine im Asphalt der Bürgersteige verschwunden.

Allein in Stuttgart hat Demnig 170 der Stolpersteine in den Gehsteigen versenkt. Elf Bürgerinitiativen durchforsten, unterstützt von der Stadt und privaten Spendern, mittlerweile Archive nach Deportations- und Prozessakten, führen Gespräche mit den wenigen verbliebenen Zeitzeugen oder nehmen Kontakt mit den Familien der Opfer auf. "Aus der Idee ist eine kleine Bürgerbewegung geworden", sagt Harald Stingele, Mitinitiator und einer der Sprecher der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen. War es "am Anfang noch sehr schwer" gewesen, Personen und Lebensläufe der Opfer ausfindig zu machen, so seien die Listen der Rechercheure mittlerweile voller Kontakte. Immer mehr Angehörige würden sich bei den Datensammlern melden und die persönlichen Schicksale ihrer Verstorbenen dokumentieren helfen.

Die Schreckensbilanz: Allein in Stuttgart wurden nach Schätzungen rund 5000 Menschen deportiert oder ermordet. Die meisten von ihnen waren Juden, die von 1938 an in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschickt wurden. Aber auch freidenkende Katholiken und Protestanten starben. Sinti, Roma, Behinderte, Deserteure und auch "Wehrkraftzersetzer" wie Eugen Spilger. "Das Projekt der Stolpersteine macht keinen Unterschied zwischen den Opfergruppen", betont Harald Stingele.

Jedoch: Am 9. November 1938, vor 68 Jahren, gab die Reichspogromnacht das Signal zur Beschleunigung der Zerstörung jüdischen Lebens in Deutschland. SA-Trupps organisierten als angebliche "Volkszorn"-Reaktion auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch den Sohn einer in Hannover vertriebenen jüdischen Familie in der Nacht vom 9. zum 10. November "reichsweit" die Gewalt. Geschäfte und Häuser jüdischer Bürger wurden zerstört und geplündert. In allen Städten, auch in Stuttgart, brannten die Synagogen. Die Reichspogromnacht war denn auch Anlass für Stingele, in Zusammenarbeit mit der Initiative AnStifter um Peter Grohmann und einer Reihe weiterer Autoren ein Buch herauszugeben, das 31 Einzelschicksale exemplarisch aufzeigt. Sein Titel: "Stuttgarter Stolpersteine". Zudem werden an diesem Donnerstag sowie am Freitag und Samstag von Gunter Demnig in Stuttgart-Mitte sowie in den Stadtteilen Zuffenhausen, Vaihingen und Feuerbach weitere 61 Steinquader verlegt. Erstmals wird mit einer Plakette auch eines Euthanasieopfers gedacht - Ernst Köhler.

Auch für Eugen Spilger wird ein Stolperstein gelegt. Vor der Haustür seines ehemaligen Wohnhauses in der Colmarer Straße 19 in Stuttgart-Zuffenhausen wird dann auf einer zehn mal zehn Zentimeter messenden Messingplatte zu lesen sein: Hier wohnte Eugen Spilger, Jg. 1910. Erschossen 19. 4. 1945 in Neuffen, "Volksverräter".

Aktualisiert: 09.11.2006, 06:13 Uhr
    

 

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