Fritz Rosenfelder - Spätes Echo

 

Zu den Vorstehern der Cannstatter israelitischen Gemeinde gehörte seit den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts Moriz Rosenfelder. Er war mit einer Rohwarenhandlung und Glacélederfabrik in der Rosenaustraße (1) zu  und bezog später eine Wohnung in der vornehmen Königstraße. Er verfügte laut Steuereinzugsregister 1872/73 über ein Vermögen von 25 700 Mark (2).

Zwei Generationen später, seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts führen die Witwe seines Sohnes und sein Enkel Fritz das Unternehmen. Die Familie lebt jetzt im Hause Königstraße 66. Dort wohnte auch Schneidermeister Theodor Hafner mit seiner siebenköpfigen Familie, die allerdings mit dreieinhalb Zimmern auskommen musste, während Rosenfelders einen Stock tiefer die ganze Etage zur Verfügung stand. Erich Hafner (Jahrgang 1922) erinnert sich an Feste, die dort gefeiert wurden, weil Rosenfelders am andern Tag oft Speisen hinaufbringen ließen, "die man sich selber nie hätte leisten können." Ihm und seinen Geschwistern habe auch das Dienstmädchen der jüdischen Familie viel Gutes zugesteckt. An Ostern sei Fritz Rosenfelder mehrfach mit der Familie im Rosensteinpark gewesen und habe für die Kinder Ostereier versteckt. Bei anderen Gelegenheiten hat er den Jungen eingeladen mit dem Luftgewehr zu schießen oder ihn auf Fahrten im Sportwagen zu begleiten. Aus einer Erzählung seines Vaters weiß Erich Hafner, dass der junge Unternehmer begeisterter Kajakfahrer war. Er habe sich als erster getraut, den Neckar hinunter zu fahren, wenn am Voltasteg das Wehr offen war.

Neben seinem Beruf müssen Sport und die Kameradschaft in seinem TVC (Turnverein Cannstatt 1846) für Rosenfelder der vermutlich bedeutendste Lebensinhalt gewesen sein. Seine besondere Vorliebe galt dem neu aufgekommenen Skisport, weshalb er in der 19113 gegründeten Schneeschuhabteilung aktiv wurde. Erinnerungen an die Zwanziger und beginnenden Dreißigerjahre hat Elfriede Frech, Vereinsmitglied seit 1921 4, im Jahre 2001 zu Protokoll gegeben 5. Sie schildert Rosenfelder als Idealisten, der sich um die Nachwuchsförderung kümmerte und aushalf, wenn Not am Mann war: "Wenn einer der Freunde ein neues Paar Ski brauchte, dann telefonierte Rosenfelder kurz mit dem Sporthaus Breitmaier, Freunden der Familie. Wenn dem Sportkollegen das Geld nicht reichte, übernahm Rosenfelder. Und auch bei den Skiausfahrten, die meist in die deutschen Alpen [...] führten, trat Fritz Rosenfelder als Sponsor auf." Man sei fast jede Woche unterwegs gewesen, im Sommer mit dem Faltboot, sobald Schnee lag auf den Brettern. Über eine der Alpenfahrten berichten die Vereins-Nachrichten im Februar 1933: "Da es den ganzen Januar und Februar einfach nicht schneien wollte, reifte bei verschiedenen Mitgliedern der Entschluss, um einmal wieder auf die Bretter zu kommen, eine Wochenendfahrt mit Omnibus in die Parsenn zu wagen. Nach einem erstmaligen unfreiwilligen Abbruch in Ravensburg mit anschließenden zünftigen Irrfahrten, ging dieselbe vom 26.-28. Februar 1932 unter glänzender Regie von Freund Rosenfelder vonstatten. Alle, die mit dabei waren, können Bände erzählen."6 Bei der "Winterschlussfeier" der Schneeschuhabteilung hat Fritz Rosenfelder. Ende April 1932 mit einem Lichtbildervortrag die Erinnerung an diese Fahrt noch einmal wachgerufen. Ein Jahr später, er war inzwischen Pressewart im Abteilungsausschuss der Schneeschuhabteilung nahm er an einem Skikurs in Stuben am Arlberg teil. Bald darauf, am 6. April 1933 griff der 31-Jährige zur Waffe und setzte seinem Leben ein Ende. Als "deutscher Jude", schrieb er in seinem Abschiedsbrief, konnte er es "nicht über sich bringen, von der Bewegung, von der das nationale Deutschland die Rettung erhofft, als Vaterlandsverräter betrachtet zu werden!"7

Bei der Kremation sprach der Fabrikant und Dichter Leopold Marx für die jüdische Gemeinde und sagte unter anderem: "Der Leib, den wir hier der reinigenden Flamme übergeben, enthielt ein Leben, das von seinem Besitzer weggeworfen wurde, weil er es nicht mehr für lebenswert hielt. Es war Leben von einer Art, die gegenwärtig nicht mehr sehr hoch geachtet wird. Es war das Leben eines Juden." Mit dem ersten Boykott jüdischer Geschäfte und Praxen waren ja wenige Tage zuvor, am 1. April, den finsteren Parolen der Nationalsozialisten erstmals brutale Taten gefolgt. Dass Mitglieder der Schneeschuhabteilung Fritz Rosenfelders Sarg trugen und der Abteilungsleiter den Mut zu einem Nachruf fand, war zu diesem Zeitpunkt schon kein selbstverständliches Zeichen solidarischer Kameradschaft mehr. Erwähnenswert ist auch ein Treuebekenntnis der besonderen Art. Es kam von dem prominentem Freund Ernst Udet, dem erfolgreichen Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Er flog bei der Beisetzung über den jüdischen Teil des Steigfriedhofs und warf einen Kranz ab (8).

Ganz anders der ?Stürmer?. Julius Streichers antisemitisches Hetzblatt bestätigte im Juli (9), dass Fritz Rosenfelder ziemlich genau vorausgesehen hat, was den deutschen Juden zugedacht war. Ein Leitartikel von beispielloser Obszönität war betitelt: ?Der tote Jude. Deutsche und jüdische Turnvereine / Fritz Rosenfelder ist vernünftig und hängt sich auf.?

Rosenfelder sah offenbar nicht nur seine wirtschaftliche Existenz bedroht, sondern fürchtete auch um seine Vereinszugehörigkeit, die unersetzbar in sein soziales Netz unauflöslich verwoben war. In seiner Hinterlassenschaft fand sich eine Pressenotiz über die wenige Tage später zum Beschluss erhobene Absicht der Deutschen Turnerschaft, den Arierparagrafen einzuführen (10). Wie er richtig erkannte, war damit der Ausschluss aus seinem geliebten TVC vorprogrammiert. Im Verein war die Frage bis dahin allerdings noch nicht einmal diskutiert worden, auch hatte man es mit der Gleichschaltung alles andere als eilig. Ganz im Gegenteil versuchte man sich zu suggerieren, alles werde beim Alten bleiben. "Gut Heil ist nach wie vor unser Turnergruß," liest man im Protokoll einer Turnratssitzung vom 2. Mai 1933, und der einstimmig im Amt bestätigte langjährige Vorsitzende beschwichtigte noch im Juni, was mit der Gleichschaltung angestrebt werde, sei von jeher nirgends besser verankert gewesen als in der Deutschen Turnerschaft. Ja den Funktionären um Neuendorf wird sogar taktisches Fehlverhalten vorgeworfen, weil sie ureigenste Gebiete der Turnerschaft gleichgeschaltet hätten (11). Zwar sucht man in den Vereinsnachrichten den sonst üblichen Nachruf für Fritz Rosenfelder vergebens, aber noch im Februar 1934 als die "Monatlichen Mitteilungen" bereits das Hakenkreuz im Kopf führten, wird im Bericht über das Vereinsjahr 1933 neben drei weiteren Mitgliedern auch Fritz Rosenfelders gedacht, dem der Verein "ein treues Gedenken" bewahren werde. Ein umgehendes Vergessen dürfte stattdessen eingetreten sein, denn im April 1934 bekam der Verein einen "Führer", dessen Bestellung so protokolliert wurde: "Die per Akklamation erfolgte Wahl wird mit Deutschland- und Horst-Wessel-Lied besiegelt."(12) Ganz unverhofft kann diese Wende nicht eingetreten sein. Bereits im Dezember 1933 war der langjährige TVC-Vorstand im zweiten Anlauf endgültig zurückgetreten, und in derselben Turnratssitzung wurde erwogen, aus den SA-Angehörigen des Vereins einen eigenen Sturm zu bilden (13). Schon vor dem Umschwung an der Vereinsspitze hatten einzelne Mitglieder Fritz Rosenfelder diskriminiert. Elfriede Frech erinnerte sich, dass manche sich wegsetzten, wenn er an den Tisch kam. "Der Sportler"(14) Offenbar war die Nazifizierung in der Mitgliedschaft schneller und weiter vorangeschritten als in den Leitungsgremien des Vereins.

Dennoch muss die hinhaltend vollzogene Gleichschaltung des Vereins festgehalten werden, weil Rosenbergers Freitod Jahrzehnte später noch einmal eine Rolle spielen sollte. Seine Hoffnung, dass bald Vernunft einkehren möge, hat sich zwar nicht erfüllt. Noch weniger vermochte seine Verzweiflungstat die Entwicklung aufzuhalten, die zur Vernichtung der deutschen und europäischen Juden führte, aber spät, wenn auch viel zu spät, hat sie dennoch Wirkung erzielt. Zunächst allerdings wurde Rosenfelders Schicksal instrumentalisiert und missbraucht. In dem beispiellos schlecht recherchierten Artikel "Ungeheure Farce" ging der "Spiegel"15 einleitend auf Fritz Rosenfelders Schicksal mit der Behauptung ein, er sei aus dem Verein ausgeschlossen worden. Diese und eine Reihe weiterer Falschaussagen waren ungeprüft aus einem amerikanischen Buch übernommen worden. Dazu kam, dass der Cannstatter Turnverein als einziger deutscher Sportverein genannt und pars pro toto für das schlimmste Kapitel deutscher Sportgeschichte verantwortlich gemacht wurde. Anstatt umgehende Richtigstellung der Falschaussagen zu fordern und die journalistische Stümperei zu entlarven, machte der TVC-Vorstand die Affäre zum Politikum und begann einen erbitterten Briefwechsel mit Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der seinen schlampigen Redakteur die zynische Gegenfrage stellen ließ, ob der TVC "im Dritten Reich als einziger Verein jüdische Mitglieder nicht ausgeschlossen oder [...] Fritz Rosenfelder[s] Tod [ihn] vor diesem Zwiespalt bewahrt" habe. Die Auseinandersetzung verlief im Sande. Die Kontrahenten, arrogant der eine, überrascht, in die Defensive gedrängt und um Rechtfertigung bemüht der andere, kamen einander nicht näher.

Die unerquickliche Auseinandersetzung blieb glücklicherweise nicht folgenlos. Der Verein machte von da an die Vergangenheit zum Thema, indem er erfolgreichen Jugendsportlern keine Sach- oder Geldpreise mehr überreichte, sondern Leopold Marx" Buch Mein Sohn Jehoshua"(16). Welche Veränderungen die Spiegel-Episode darüber hinaus ausgelöst hat, geht aus einer handschriftlichen Notiz vom März 1995 hervor. Der Vorstand, der seinerzeit dem Spiegel Paroli zu bieten versucht hatte, schrieb nun selbstironisch von einem Kampf, den er "1979 führen zu müssen glaubte". Und im selben Jahr begehrte eine Jugendgruppe, vom Jehoschua-Buch angeregt, nach Israel zu reisen. Sie besuchte unter anderem das Grab von Leopold Marx der bis 1938 TVC-Mitglied gewesen und 1939 nach Israel entkommen war, wo er in Shavej Zion eine neue Heimat gefunden hatte. Bei dieser Begegnung junger israelischer und deutscher Sportler kam auch  zur Sprache, dass der Dichter und sein 11-jähriger Sohn Efraim alias Eder nach der Gleichschaltung des Vereins von den Übungsstunden ausgeschlossen worden waren. In seiner mit Rücksicht auf die Gastgeber englisch vorgetragenen Ansprache am Grab des Dichters ließ der Vorstand die Erinnerung an 1933 aufleben und sagte: "Fritz Rosenfelder was a popular chap, who felt at home in skiing circle, together with others, who were then all practising the new sport. After the war, an American journalist wrote, that Fritz Rosenfelder had been barried out from our Sports Group, what led ihm to suicide. Although this was not true, according to documents, which have been found just recently, it could very easily have been true and was definitely so in other cases.? Die entscheidende Erkenntnis, dass sich im TVC wie in jedem anderen deutschen Sportverein Tragödien hätten abspielen können, verdeutlicht einen entscheidenden Gesinnungswandel von der Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition hin zur Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen. "Trauert nicht" hat Fritz Rosenfelder in seinem Abschiedsbrief geschrieben, "sondern versucht aufzuklären und der Wahrheit zum Siege zu verhelfen." Jahrzehnte nach seinem Tod hat dieser Appell Wirkung gezeigt.

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Anmerkungen
1 Adreß- und Geschäfts-Handbuch der Stadt Cannstatt. Louis Bosheuyers Buchdruckerei 1876 und öfter
2 Maria Zelzer, Weg und Schucksal der Stuttgarter Juden. Stuttgart o.J.
3 StAS Bü 89
4 StAS Bü 231
5 Sonntag Aktuell, 30. Dezember 2001, S. 12
6 Vereins-Nachrichten. Monatliche Mitteilungen des Turn-Vereins Cannstatt E.V. Gegründet 1846. Nr. 2/1933, S. 7
7 StAS Bü 231
8 Lothar Rosenfelder am 31. Oktober 1960 an das Bürgermeisteramt Stuttgart. StAS SO Bü 172
9 Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit. 11. Jahrgang 1933, Nummer 30, Seite 1.
10 Diese Absicht des neuen Führers Edmund Neuendorff, wurde am 8./9. April zum Beschluss.
11
12
13 Protokollbuch Turnverein Cannstatt 1846. 1929-1948, S. 132
14 Sonntag aktuell,10. Dezember 2001, S. 12
15 DER SPIEGEL 40/1976
16 Leopold Marx: Mein Sohn Jehoschua. Sein Lebensweg aus  Briefen und Tagebüchern, 2. Auflage, Gerlingen 1996


 

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