Stolpersteine für Stuttgart im November 2006

Erstmals Stolpersteine in Zuffenhausen, Vaihingen und Feuerbach

Dank ausgefeilter Routenplanung, tatkräftiger Mithilfe des Stuttgarter Tiefbauamts und minutiöser Vorarbeit der lokalen Initiativen kann Aktionskünstler Gunter Demnig am 10. und 11. November in Stuttgart 61 Stolpersteine verlegen. Damit kommt sein ?Kunstprojekt für Europa? um ein gutes Stück der Schwelle von 10.000 Kleindenkmalen näher, die an Opfer des Naziterrors erinnern: Juden, Sinti, Jehovas Zeugen, Homosexuelle, Euthanasieopfer, Kommunisten, Christen, Sozialisten ...

In den Stadtteilen Zuffenhausen, Vaihingen und Feuerbach machen lokale Initiativen erstmals mit Stolpersteinen auf tödlich verlaufene Schicksale aufmerksam. An den Feuerbacher Jakob Balthasar Kraus, der für seinen politischen Widerstand bitter büßen musste, wird in der Klagenfurter Straße 11 gedacht. Seine Frau schrieb am 24. August 1946 an das Stuttgarter Versorgungsamt: ?Die Kleider meines Mannes, die ich auf dem Pragfriedhof abholen konnte, waren durch und durch mit Blut getränkt und vollständig zerrissen [...].? Kraus hatte auch nach einer Verurteilung wegen Hochverrats und mehrjähriger Haft weiter agitiert und illegale Schriften verteilt, bis er gefasst, erneut wegen Hochverrats verurteilt und in der Haft schwer misshandelt wurde. Die genauen Umstände seines Todes sind ungeklärt, doch seine Frau war überzeugt, dass er am 27. Januar 1943 von der Gestapo ermordet wurde.

Der Krieg sei verloren und jedes Opfer nutzlos, erklärte Volkssturm-Mann Eugen Spilger im April 1945. Mit einem Schild ?Ich bin ein übler Gerüchtemacher? um den Hals wurde der bis dahin politisch nie hervorgetretene Mann deshalb dem Nürtinger Standgericht übergeben und ohne Verfahren in der Nacht vom 19. zum 20. April in einem Steinbruch erschossen, zwei Tage bevor Stuttgart kampflos an die Franzosen fiel. Der für Spilgers Tod Hauptverantwortliche kam nach dem Krieg mit vier Jahren Gefängnis davon. Die Witwe Spilger musste mit einer kargen Rente auskommen und klagte vergebens auf Schadenersatz gegen die Mörder ihres Mannes, an den ein Stolperstein in der Colmarer Straße 19 erinnern wird. Spilger ist eines von acht Opfern, deren in Zuffenhausen künftig gedacht wird.

Die Vaihinger Stolpersteininitiative ist den Spuren von Henriette und Franz Fried nachgegangen, zwei von 1.000 Juden, die am 1. Dezember 1941 von Stuttgart nach Riga deportiert wurden. Niemand weiß, wie ihr Le-ben endete, aber kaum waren sie fort, hat der Staat ihr Eigentum geraubt, zum Beispiel hat sich Stuttgarts Ober-finanzpräsident das Herrenzimmer der Frieds in seine Diensträume geholt! Vor dem Gebäude der Deutschen Bank, Vaihinger Hauptstraße 11, wird künftig ein Stolperstein an Franz und Henriette Fried erinnern, die ange-sehene Bürger waren, er als Leiter einer Bankfiliale, sie als kinderliebe Nachbarin.

Wann Gunter Demnig in welchem Stadtteil Stolpersteine verlegt, geht aus der beigefügten Routenplanung hervor. Kleine verkehrsbedingte Abweichungen von diesem Plan sind möglich.

ca. 3000 Zeichen

Stolpersteine für Stuttgart am Freitag, den 10. November 2006 (Uhrzeit~Steinverlegung):

8:00 S-West, Am Kräherwald 271, 1 Stein für Ottilie Lahnstein

8:20 S-West, Dillmannstr. 19,  4 Steine für Franziska Oppenheim, Elsa Erlebacher, Elsa 'Erika' Landsberger, Erna Strauß

8:40 S-Mitte, Hauptstätter Str. 132, 2 Steine für Abraham + Berta Metzger

9:00 S-Süd, Tulpenstr. 5,  1 Stein für Wilhelm Bodenheimer

9:20 S-Süd, Schickhardtstr. 33, 2 Steine für Else + Ruth Ziegler

9:40 S-Süd, Hasenbergsteige 79, 1 Stein für Dr. Gottfried Hermann Wurz

10:00 Vaihing., Hauptstr. 11,  2 Steine für Franz + Henriette Fried

10:45 Zuffenh., Reinhold-Brändle-Weg 8, 5 Steine für August + Albert Reinhardt, Johanna, Marta + Johann Kling
  (früher In den Pliensäckern 19 E)

11:15 Zuffenh., Reinhold-Brändle-Weg 8, 1 Stein für Karl Rumberger
  (früher In den Pliensäckern 18 E)

11:30 Zuffenh., Colmarer Str. 19,  1 Stein für Eugen Spilger

11:45 Zuffenh., Rütlistr. 59,  1 Stein für Julius Beickert

13:15 Feuerb., Tannenäckerstr. 33, 1 Stein für Marianne Scholz

13:45 Feuerb., Mühlstr. 22,  1 Stein für Max Wolf

14:00 Feuerb., Klagenfurter Str. 11, 1 Stein für Jakob Kraus

14:15 Feuerb., Stuttgarter Str. 106, 2 Steine für Ludwig + Rosalie Weinberg

14:30 Feuerb., Oswald-Hesse-Str. 86, 1 Stein für Helene Wöhr

Stolpersteine für Stuttgart am Samstag, den 11. November 2006 (Uhrzeit~Steinverlegung):

8:00 West, Johannesstr. 66,  4 Steine für Fam. Bloch

8:20 West, Lindenspürstr. 30,  3 Steine für Josefine Kroner, Paul + Klara Mayer

8:40 West, Hermannstr. 16,  3 Steine für Benedikt + Frieda Kaufmann, Albert Levi

9:00 Nord, Hölderlinstr. 35,  2 Steine für Georg + Rosalie Mayer

9:20 Nord, Lenzhalde 42,  3 Steine für Otto + Elsa Thalmessinger, Luise Henle (Achtung: geänderte Uhrzeit!)

9:40 Nord, Im Kaisemer 25,  1 Stein für Max Elsas (Achtung: geänderte Uhrzeit!)

10:00 Nord, Am Kochenhof 1,  1 Stein für Selma Dinkelmann

10:30 Cannstatt, Seelbergstr. 1, 7 und 16, 7 Steine für Fanny Kahn, Flora Kahn, Hilde Kahn, Hermine Kahn, Babette Marx, Martin Rothschild, Max Rothschild und Clara Hirsch

11:30 Hedelfing., Schwanenstr. 1,  1 Stein für Ernst Köhler

12:30 S-Ost, Hackstr. 7,  1 Stein für Nathan Neumann

13:00 Mitte, Sophienstr. 33 und 23 A, 6 Steine für Arthur + Karoline Essinger, Siegfried, Else + Lieselotte Mandelbrod und Albert Feit

14:00 S-Süd, Neue Weinsteige 3, 1 Stein für Walter Guttmann

PS.: Die angegebenen Uhrzeiten können nur eine grobe Orientierung für den geplanten Zeitpunkt der Verlegung sein - Verschiebungen nach vorne und hinten lassen sich trotz sorgfältiger Planung leider nicht ganz ausschließen - Wer bei einer Steinverlegung dabei sein will, sollte sich deshalb möglichst frühzeitig am Verlegungsort einfinden!

Direkt im Anschluss findet die öffentliche Vorstellung des Stuttgarter Stolpersteinbuchs "Auf den Spuren vergessener Nachbarn"

am Samstag, den 11. November 2006 um 16:30 Uhr
im Theater im Depot (Spielort des Schauspielhauses, Nähe Ostendplatz)

statt. Gunter Demnig spricht über sein Projekt, Boris Burgstaller und Elisabeth Findeisen vom Staatstheater Stuttgart lesen Texte aus dem Buch.

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

Mehr lesen...

in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

Unerwünscht

Mehr Infos

im Januar erschienen:

Buchcover: "Behandlung empfohlen"

Jetzt bestellen...

Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

Mehr Infos

Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

Weitere Infos

Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
buchumschlag-verlegt-elke

 

heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

 Info und Bestellung

Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter