Mord auf Raten - Juden in Stuttgart ab 1933

1933
Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler - Beginn der Machtübernahme der Nationalsozialisten.  In den nächsten Monaten werden die Mandatsträger und viele Mitglieder der Arbeiterparteien verhaftet und in das KZ-Heuberg gebracht.  Politische Sondergerichte werden am Oberlandesgericht eingesetzt.
10.3. - Jüdische Mitarbeiter des Rundfunks werden ausgeschlossen.
15.-16.3. - NS-Gauleiter Wilhelm Murr übernimmt in Württemberg die Macht, in Stuttgart wird Karl Strölin als Staatskommissar eingesetzt. - Politische Gleichschaltung der Stadtverwaltung, Andersdenkende und Angestellte jüdischer Abstammung werden auf die Straße gesetzt. SA und SS blockieren die Zugänge zu jüdischen Geschäften und Kaufhäusern.
1.4. - Boykottaufforderung der SA für jüdische Rechtsanwälte und Ärzte.
19.5. - Aktion :  "Wider den undeutschen Geist"  der Stuttgarter Studentenschaft, Literarische Erzeugnisse von Juden sollten aus Buchhandlungen und Leihbüchereien entfernt werden,
15.6. - Stuttgart hat 416 522 Einwohner, davon 4876 jüdische Bürger.
1.9. - 17 Stuttgarter Ärzten und 8 Rechtsanwälten wird wegen ihrer nichtarischen Abstammung ihre Tätigkeit untersagt.
1.11. - Jüdische Schüler werden  "zur Entgiftung der politischen Atmosphäre"  vom Eberhard-Ludwig-Gymnasium verwiesen.

1934
Jüdische Chefärzte an den Stuttgarter Kliniken werden entlassen.

1935
Erste Verurteilungen in Stuttgart wegen sogen.  "Rassenschande".
In der Stadt tauchen in Restaurants und Läden Schilder auf:  "Juden unerwünscht".
15.9. - Auf dem Nürnberger Reichsparteitag werden die  "Nürnberger Gesetze" verkündet, die Bürgern nichtarischer Abstammung nur noch eine Staatsbürgerschaft minderen Rechts zubillligen.

1936
Bei der Reichstagswahl haben jüdische Bürger kein Stimmrecht mehr.
24.8. - Juden haben keinen Zugang mehr zu den öffentlichen Freibädern in Stuttgart.
Anfang Dez. - Jüdischen Geschäftsleuten wird die Zulassung zum Weihnachtsmarkt untersagt.
Städtische Altersheime, Kindergärten und Freibäder werden für Juden verboten. Ausschluss jüdischer Mitglieder aus den meisten Stuttgarter Vereinen.

1937
17.2. - Ausschluss jüdischer Viehhändler von den Viehmärkten.
Ärzte schreiben auf ihre Schilder  "Deutscher Arzt" um sich von den noch praktizierenden jüdischen Ärzten abzuheben. Ein Beamter, der bei Juden einkauft oder zu einem jüdischen Arzt geht, begeht ein Dienstvergehen.
Cafes in der Innenstadt werden jetzt "judenfrei" geführt.
8.10. - Jüdische Apotheker sind nicht mehr zugelassen.

1938
27.9. - Alle bei deutschen Gerichten zugelassenen jüdischen Rechtsanwälte erhalten Berufsverbot.
30.9. - Die Bestallungen aller jüdischen Ärzte erlöschen.
1.10. - In Stuttgart leben noch 3596 Juden.
7. 10. - Alle deutschen Reisepässe von Juden werden ungültig und werden eingezogen.
11.11.- In der  "Reichskristallnacht" werden die Synagogen in Stuttgart und Cannstatt amtlicherseits abgebrannt. Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte, jüdische Bürger werden verhaftet.

Die Reisepässe der jüdischen Bürger werden für ungültig erklärt. Sie müssen ihre Radiogeräte abliefern. Sie haben keine Verfügung mehr über ihren Besitz und dürfen keine Haustiere mehr halten.
12.11. - Die letzten jüdischen Geschäfte und Firmen werden zwangsarisiert.
Jüdischen Bürgern wird die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen untersagt.
3.12. - Führerscheine und Kraftwagenzulassungen von Juden werden ungültig, Kraftwagen und Krafträder müssen abgeliefert werden.
31.12. - Die Aufenthaltserlaubnisse ausländischer Juden werden zurückgezogen.

1939
1. 1. - Alle Juden müssen die Vornamen  "Sarah"  oder  "Israel" tragen.  Alle wertvollen Gegenstände aus ihrem Besitz müssen sie abgeben.
Einzug des Grundbesitzes der jüdischen Bürger.  Alle Geschäfte werden zwangsarisiert (Verbot der Beschäftigung von Juden).
31.1. - Zulassungen jüdischer Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker erlöschen. Jüdische Krankenschwestern und Helfer dürfen nur noch in jüdischen Einrichtungen tätig sein.  Kranke Juden müssen getrennt untergebracht werden.
Ausgangsverbot für alle Juden.
17.2. - Juden erhalten keine Kinderermäßigung mehr und werden nach dem höchsten Steuersatz versteuert.
Verelendung der Juden - viele Selbstmorde.
30.4. - Mieterschutz für Juden gelockert, vorzeitige Kündigung nun erlaubt.  An Juden vermietete Wohnungen müssen gemeldet werden.
1. 8. es leben in Stuttgart nur noch 2093 Juden.
8.8. - Sämtliche Juden, die in Häusern von arischen Besitzern wohnen, müssen sich bis 1.12. eine Wohnung in jüdischem Hausbesitz suchen, Mietverträge mit auswärtigen Juden werden nicht mehr genehmigt.
12.9. - Juden dürfen Luftschutzräume nicht betreten, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und nach 20.00 Uhr nicht mehr auf die Straße.
21.9. - Die Juden müssen ihre Rundfunkgeräte abliefern.
15.11. - Die Juden müssen eine auf 25% erhöhte Vermögensabgabe bezahlen.

1940
Am 1.1. leben in Stuttgart noch  1784 Juden.
23.1. - Juden erhalten keine Reichskleiderkarte und keine Bezugscheine für Spinnstoffe, Schuhe und Sohlenmaterial mehr.
Auswandernde Juden müssen eine Zwangsabgabe von 10-60% ihres Vermögens bezahlen.
27.5. - Juden ist der Besuch von Gaststätten und Kinos verboten.
30.9. - Ihre Fernsprecheinrichtungen werden gekündigt.

1941
Judenkinder privat zu unterrichten wird verboten.
31.3. -  in Stuttgart leben noch 1602 Juden.
April  -  Einrichtung eines einzigen Judenladens in Stuttgart in der Seestraße 39
20.7. - Juden erhalten keine Entschädigung für Kriegsschäden.

1. 9. - Alle Juden nach Vollendung des 6. Lebensjahres müssen den gelben Judenstern tragen, es ist ihnen auch verboten ohne schriftliche Erlaubnis der Polizei ihre Wohngemeinde zu verlassen. 
1.10. - Den Juden wird die Auswanderung aus dem deutschen Reichsgebiet verboten.
Ältere Juden werden in Sammelunterkünfte aufs Land umgesiedelt (Haigerloch, Buttenhausen, Dellmensingen, Michaelsberg, Oberndorf, Mergentheim, Schloss Weissenstein, Schloss Eschenau)
Die Ende Oktober in Stuttgart verbliebenen etwa 1000 Juden leben in etwa 200 noch in jüdischem Besitz befindlichen Wohnungen.
17.11. - Jeder Jude, der in den Osten deportiert wird, muss dafür 57,65 RM zahlen. Da nicht alle diesen Betrag aufbringen können, bittet die Jüdische Kultusvereinigung ihre Mitglieder um Spenden.
1.12. - Tausend württembergische Juden, die an den Vortagen auf dem Killesberg zusammengezogen worden waren, werden vom Nordbahnhof mit Viehwagen nach Riga abtransportiert.

1942
Die Zahl der in Stuttgart wohnenden Juden ist auf 840 gesunken.
20.1. - Bei einer Geheimbesprechung führender Nationalsozialisten in Berlin-Wannsee ("Wannsee-Konferenz") wird der Massenmord an den Juden beschlossen.
26.3. - 1600 Erwachsene und 240 Kinder eines Transports jüdischer Bürger, die am 1. 12. 1941 ins KZ Riga-Jungferndorf deportiert wurden, werden als untauglich für die Arbeit im Bickernschen Hochwald bei Riga erschossen.
26.4. - 278 Personen, darunter die letzten jüdischen Kinder Stuttgarts, werden vom Killesberg aus nach Izbica (Distrikt Lublin) deportiert.
20.6. - Die letzten jüdischen Schulen in Deutschland müssen geschlossen werden.
13.7. - 49 Juden werden von Stuttgart aus nach Auschwitz deportiert.
22.8. - Ein Transport von 900 meist aus den jüdischen Altersheimen kommenden Bürgern aus dem Land wird auf dem Killesberg zusammengestellt und nach Theresienstadt deportiert.

1943
1.3. - 27 Juden werden nach Auschwitz deportiert, in Stuttgart leben nur noch 360 Juden.
17.4. - weitere 19 Stuttgarter Juden nach Theresienstadt deportiert.
17.6. - Die israelitische Kultusvereinigung Württemberg u. Hohenzollern wird aufgelöst; ihre Räume von militärischen Stellen beschlagnahmt. 9 Juden werden nach Theresienstadt und 13 nach Auschwitz deportiert.

1944
11.1. - 35 Stuttgarter Juden, deren sog. Mischehen durch Tod oder Scheidung eines Ehepartners nicht mehr bestehen, werden von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt deportiert. Die Zahl der Juden in der Stadt ist auf 200 gesunken.
Im November werden jüdische Mischlinge und Mischehepartner in ein KZ nach Wolfenbüttel deportiert.

1945
12.2. - Letzte Deportation von jüdischen Mischehepartnern und Mischlingen nach Theresienstadt.
Bei Kriegsende im Mai lebten in Stuttgart noch 24 Juden.

Zusammengestellt nach "Chronik der Stadt Stuttgart 1933-1945"
von Jörg Kurz

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

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Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

Infos und Bezug

Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Info und Bestellung

Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
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Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

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