Jakob Holzinger, der Arzt und Selma Holzinger

Jakob und Selma Holzinger
(Aus einem Gespräch mit Eugen Eberle im Jahr 1992)

Jakob Holzinger stammte aus dem Fränkischen, aus Bayreuth.  Studiert hat er in Göttingen.  Selma Holzinger, eine geborene Oettinger, kam aus Riedlingen.  In Stuttgart war sie verwandt mit den Landauers, die das bekannte Bekleidungsgeschäft am Marktplatz hatten, heute Breitling.  Verwandte hatte sie auch in Paris.  Eine Verwandte in der Schweiz besaß am Ostendplatz ein Haus, Landhausstraße 181, in der eine Wohnung und die Praxisräume frei waren.
Hier, im spitzen Winkel zwischen Landhausstraße und Haussmannstraße, wohnten die Holzingers und hier, direkt am Ostendplatz, hatte Jakob Holzinger seine Arztpraxis.  Aus seiner Praxis hat er nie jemand rausgeschickt.  Er fragte halt: Können Sie zahlen?  Es gab sechs Millionen Arbeitslose.  Arbeitslose waren nicht krankenversichert.  Er war beliebt in Ostheim.  Auch als er nicht mehr praktizieren durfte, wurde er auf der Straße noch gegrüßt.
Holzinger war kein orthodoxer Jude.  Er galt als liberal, aufgeschlossen, belesen, integriert, würde man heute sagen.  Die Kinder der Holzingers waren links, sahen in der Arbeiterbewegung die Befreiungschance für die Juden.  Holzingers Tochter Hermine hat Rudolf Eberle, den Buchdrucker, Eugen Eberles Bruder, in der Marxistischen Arbeiterschulung, kurz MASCH, in der Kolbstraße 4 kennengelernt.  So kamen Arzttochter und Buchdrucker zusammen.
Hermine war im Katharinenstift zur Schule gegangen.  Dort lernte sie französisch.  Das kam ihr später bei der Flucht nach Frankreich zugute.  In der Landesfrauenklinik in Berg machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester.  1933 wurde sie dort rausgeschmissen.  Auch Dr. Holzinger durfte nicht mehr praktizieren.  Für die Flucht ihrer Kinder sorgten die Holzingers rechtzeitig.  Sie schafften Geld ins Ausland mit dem auf Ibiza eine kleine Finca gekauft wurde.  Dort lebten Hermine und Rudolf, nachdem sie auch aus Frankreich fliehen mussten, wo sie zunächst bei Verwandten der Frau Holzinger untergekommen waren.
Die Holzingers selber wollten nicht weg.  Die Rede Hitlers im Reichstag 1939 hatten sie sehr wohl verstanden als Ankündigung der Vernichtung der europäischen Juden.  Jakob Holzinger wollte nicht noch einmal ins KZ wie nach dem 9. November 1938.  Die beiden wollten sich nicht deportieren lassen, aber sie wollten auch nicht fliehen.  Oder konnten sie nicht mehr?  Die Mittel der Familie waren weitgehend aufgezehrt durch die "Reichsfluchtsteuer", die nach dem 9. November 1938 über die Juden verhängt worden war.  Eine legale Ausreise war nicht mehr möglich.  So bereiteten die Holzingers ihren Freitod vor.

Eugen Eberle beschreibt diesen Tod in seinem zusammen mit Peter Grohmann herausgegebenen Buch: "Die schlaflosen Nächte des Eugen E."

Der Freitod des Ehepaares Holzinger

Den Pogromen folgte die Auflage: Alle Juden müssen sichtbar angenäht den "Davidstern" tragen.  Trotz möglicher Anfeindungen traf ich mich auch danach mit dem jüdischen Arzt Dr. Jakob Holzinger, dem Schwiegervater meines Bruders Rudolf, in der Gaststätte "Villa Berg" zu politischen Gesprächen.  Dr. Holzinger, der seine Praxis für Allgemeinmedizin in Ostheim hatte, besuchte uns auch gelegentlich in der Nibelungenstraße.  Holzinger gab sich bei diesen Gesprächen nie Illusionen hin:  Er wusste, dass die von Hitler und Streicher geforderte "Lösung der Judenfrage" mit der Liquidierung der Juden enden würde.  Bei einem dieser Treffen in der "Villa Berg" beschwerte sich der Jakob Holzinger bitter über die mangelnde Zivilcourage der "neudeutschen"  Akademiker und Wissenschaftler.  Entrüstet berichtete er von einem großen Kongress in Nürnberg, der "Stadt der Reichsparteitage", zu dem sich 1000 Wissenschaftler versammelt hatten. Julius Streicher, der Herausgeber des "Stürmer" und einer der größten Judenhasser, hielt dort eine Rede, in der er sich zu der Behauptung verstieg, die Juden hätten als andere Rasse auch anderes Blut als die arisch-nordischen Menschen". Trotz besseren Wissens sei nicht einer von tausend, darunter viele Koryphäen, aufgestanden und habe diesen Unsinn zurückgewiesen.
Mit Beginn des 2. Weltkriegs wurden auch in Stuttgart immer mehr Juden verhaftet.
Jakob Holzinger wusste sehr genau, was Hitler am 30.1.1939 in einer berühmt gewordenen Rede vor dem Reichstag für den Fall eines Krieges angedroht hatte: "Die Vernichtung der jüdischen Rasse".  Und Streicher hatte im "Stürmer" - ebenso unwidersprochen wie Adolf Hitler gefordert, auch die "jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion" zu liquidieren.
Gleich nach der Reichskristallnacht im November 1938 wurde Dr. Holzinger verhaftet und ins KZ Dachau eingeliefert.  Er hatte jedoch noch Glück, als Offizier und Landwehrhauptmann des 1. Weltkriegs wurde er nach kurzer Zeit entlassen. Nach seinen grausamen Erlebnissen war ihm klar: Kein zweites Mal ins KZ! Er hatte ansehen müssen, wie verzweifelte Häftlinge in den elektrisch geladenen Umzäunungen des KZs Selbstmord verübten.  Mit Bangen sah er dem "2.Jahrestag" der Reichskristallnacht entgegen.  Aber eine Flucht ins Ausland kam für ihn nicht in Frage.  Durch die Einführung einer "Reichsfluchtsteuer" wurden jene Juden, die emigrieren wollten, um den größten Teil ihrer Vermögen beraubt.  Dr. Holzinger hatte kein Geld mehr, da er bereits rechtzeitig für die Emigration seiner Kinder Ersparnisse ins Ausland gebracht hatte.  Nur wer über sehr viel Geld und Vermögen verfügte, konnte zu dieser Zeit noch legal das "Dritte Reich" verlassen.
Dr. Holzinger sprach erstmals von Freitod.  Vorsichtig verschenkte er Kleider, Wäsche, Bücher und Wertgegenstände an Freunde und Bekannte.
Am 7. November 1940, abends um 9 Uhr, sollte ich mir zugedachte Erinnerungsstücke abholen.  Besonders berührten mich die Titel der Bücher:  Es waren Houston Stewart Chamberlains "Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts" und Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte".  Ausgerechnet mit jenen Autoren hatte er sich beschäftigt, die später zu Leitbildern der Nazis wurden.
Bereits einige Tage zuvor musste ich einen Koffer in die Wohnung bringen.  Tief bewegt von den Absichten der Schwiegereltern meines Bruders sagte ich um halb zehn "Auf Wiedersehen".  Lächelnd erwiderte Frau Selma Holzinger: "Ausgerechnet der Eugen, der Atheist, sagt ,Auf Wiedersehen?".
Am anderen Tag - es war ein Samstag - wurde wie immer bis 12 Uhr im Betrieb gearbeitet.  Dort erfuhr ich, fast beiläufig, in einem Gespräch mit einem Ostheimer Kollegen, "...ein Ehepaar Dr. Holzinger hat Selbstmord verübt".  Die beiden Toten seien bereits abgeholt worden.  Dr. Holzinger und seine Frau hatten sich damit einem weit grausameren Tod, den ihnen die Nazis angetan hätten, entzogen.  Ich war in gewisser Weise erleichtert: wie viele Schikanen waren ihnen erspart geblieben!
Am Sonntagvormittag besuchte ich das jüdische Leichenhaus auf dem Pragfriedhof.  Auf einer drei bis vier Meter großen Marmorplatte lagen die beiden Toten, mit einem Hemd bekleidet.  Ihre Gesichtsfarbe verriet mir, sie hatten mit Gift ihrem Leben ein Ende gesetzt.  Einige Tage später fand im Krematorium auf dem Pragfriedhof im Kreise der noch in Stuttgart verbliebenen Juden die Trauerfeier statt.  Nur meine Mutter, meine Frau, das Ehepaar Wagner und ich waren außer ihnen erschienen.  Von den vielen Ostheimern, bei denen der Arzt so beliebt war, und von den vielen Freunden, die die Familie hatte, war niemand gekommen, den Toten die letzte Ehre zu erweisen.  Die Angst der "Arier" vor dem Terror der Gestapo war zu groß.  Ein Gefühl von Trauer überkam mich, als ich in die Gesichter der wenigen Menschen sah, die von der einstmals großen jüdischen Gemeinde in Stuttgart übrig geblieben waren.
Unvergesslich, wie sie die beiden rohen Särge von der jüdischen Leichenhalle ins Krematorium trugen.  Die Beerdigung fand im jüdischen Ritus statt, obwohl Holzingers "Freigeister" waren.
Nach dem Begräbnis berichtete Frau Wagner über den Freitod, sie habe mit der Familie Holzinger verabredet, gegen 5.30 Uhr morgens den Haupthahn der Gasleitung abzustellen, um die Hausbewohner nicht durch ausströmendes Gas zu gefährden.  Als Frau Wagner zur verabredeten Zeit vor die Flurtür trat, sah sie auf der kleinen Schiefertafel, die damals noch vor vielen Wohnungen hing, eine Notiz: "Das Sterben ist schwer."  Sie öffnete die Tür und sah sich Dr. Holzinger gegenüber. "Es ist gescheitert!", sagte der Arzt.  Um das Geräusch des ausströmenden Gases zu dämpfen, habe er den Wasserhahn im Bad voll aufgedreht, deshalb und durch undichte Stellen im alten Badezimmer war der größte Teil des Gases abgeströmt.  Dr. Holzinger ließ Frau Wagner im Flur stehen und ging in die anliegenden Praxisräume.  Durch den Türspalt sah sie, wie der Arzt eine Ampulle öffnete, einen Teil schluckte und sie dann seiner Frau gab.  Der Tod, ausgelöst durch Zyankali, trat sofort ein.
Ein Jahr später, am 27. November 1941, mussten sich alle noch in Württemberg und Stuttgart lebenden Juden auf dem Reichsgartenschaugelände, dem heutigen "Höhenpark Killesberg" einfinden.  Die Aufforderung kam von der jüdischen Zentralstelle zur Erfassung aller Juden.  Die Zentralstelle war auf Befehl der Nazis eingerichtet worden.
Wie Vieh im Güterwagen verfrachtet, wurden sie am 1. Dezember 1941 nach Riga in Lettland deportiert; nur wenige haben überlebt. Häufig fragte ich mich in jenen Tagen: Wird das Verbrechen an den jüdischen Menschen jemals gesühnt?

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