Für Emma Berger, Ida und viele andere

Donnerstag, 29.09.2005
 


West-Süd-Mitte

Für Emma Berger, Ida und viele andere.
Aktion Stolpersteine geht gegen das kollektive Schweigen aktiv vor.

Am 23. September hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in den öffentlichen Bereich vor den Häusern, in denen Nazi-Opfer früher gewohnt haben, weitere Stolpersteine eingesetzt. Dabei wurden außer in Stuttgart-Süd, wo seit Frühjahr dieses Jahres bereits mehr als 20 Steine liegen, erstmals in den Stadtteilen West und Mitte Stolpersteine verlegt.

Vorbereitet haben die Aktion die jeweiligen lokalen Initiativen, welche in intensiver ehrenamtlicher Archiv- und Recherche-Arbeit die Namen und Schicksale der Opfer erforscht haben.
Was ist die Aktion Stolpersteine?  Um den Ort, an dem man lebt, zu verstehen, ist es auch wichtig, seine Geschichte zu kennen, sagt die Initiative.  Nichts sei schlimmer als kollektives Schweigen.  Aber zum Glück gebe es Menschen und Initiativen, die sich der Geschichte stellen und es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Verbrechen des Faschismus vor Ort zu benennen.  Die Deportationen von Opfern fand in der Nachbarschaft statt, die Menschen hatten alle einen Namen und eine Wohnung.
Dies mache die Aktion Stolpersteine wieder sichtbar.  Gerade seit vergangener Woche auf der Messebaustelle wieder ein Massengrab gefunden wurde, ist dieses Bewusstsein wieder gefordert.  Die Stolpersteine, die die Initiative verlegt, sind zehn auf zehn Zentimeter groß, aus Beton gegossen, mit einer Messingtafel versehen und werden in öffentliche Gehwege bündig eingelassen, damit niemand durch sie zu Schaden kommen kann.  Und trotzdem heißen sie "Stolpersteine", denn wer sie im Vorübergehen sieht, soll im Geiste darüber stolpern, kurz innehalten und die Eingravierung lesen.  Unter der Überschrift  "Hier wohnte . . ." wird damit direkt vor dem Wohnhaus des Opfers ein Stück Geschichte in unser alltägliches Leben zurückgeholt.  Stolpersteine sollen ein Zeichen der Erinnerung sein, sollen die Opfer aus der Anonymität herausholen, dort, wo sie gelebt haben.  Der Gedanke zu solchen Stolpersteinen stammt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig.
Den ersten Ansatz für das Projekt Stolpersteine hat Gunter Demnig 1990 in Köln geschaffen mit einer Schriftfarbspur vom ehemaligen Schwarz-Weiss-Platz zur Deutzer Messe, von wo aus im großen Umfang Sinti und Roma deportiert wurden. 1992 verlegte er in Köln ein Messingblech mit Himmlers Auschwitz-Befehl. Ein Jahr später wurde Stolpersteine als konzeptuelles Projekt vorgestellt, damals jedoch noch ohne Realisierungsgedanken.  1995 gab es dann eine erste Probeverlegung von Steinen in Köln und im Jahr darauf im Rahmen der NGBK-Ausstellung "Künstler forschen nach Auschwitz" - die Verlegung von 55 Stolpersteinen in Berlin-Kreuzberg.  Seit November 2000 hat Demnig über 5000 dieser Stolpersteine in Köln, Hamburg, Freiburg, Berlin und anderen Städten verlegt.
Gunter Demnig benötigt etwa 20 Minuten zur fertigen Verlegung eines Steines.  Die ganze Aktion geht also recht schnell: Mit der Steinsäge wird ein Quadrat ausgeschnitten.  Das Loch wird mit dem Bohrhammer aufs Maß gebracht, Feinkorrekturen werden mit dem Meißel gemacht.  Dann wird der Stolperstein eingepasst und eingesetzt, sowie auf das richtige Niveau gebracht.  Die Fugen werden mit Zement vergossen.  34 solcher Stolpersteine wurden im Oktober vorigen Jahres auch im Stuttgarter Osten verlegt, weitere folgen jetzt.
Im Stuttgarter Süden wurden 15. und 16. März zehn Stolpersteine verlegt.  In der Neugereutstraße 15, für Emma Berger und ihre Kinder Amalie, Helene, Ida und Adolf, in der Dornhaldenstraße 19, für Gustav und Johanna Silberstein, in der Adlerstraße 24, für Else Himmelheber, in der Arminstraße 38, für Hermine Mayer, in der Tübinger Straße 70, für Max und Sofie Mayer, auf dem Markusplatz 1, für Dr. Robert Gutmann, in der Tulpenstraße 7, für Isidor und Klara Fromm und ihren Sohn Otto, in der Olgastraße 124, für Adolf und Emma Ehrlich und ihre Tochter Cilly Jablonsky, in der Sonnenbergstraße 33, für Dr. Albert Mainzer und in der Wannenstraße 16, für Dr. Robert und Helene Mainzer.  Vergangene Woche dann folgten drei weitere Steine für Edith Lax und ihre Tochter Ruth in der Tulpenstraße 14 und für Josef Stempa in der Olgastraße 128.  Auch der Westen hat jetzt seine ersten Stolpersteine.
Der Stolperstein vor dem Gebäude Leuschnerstraße 51 für Berta Rauner, die 1944 nach Theresienstadt deportiert wurde und in den Gaskammern von Auschwitz ihr Leben verlor, wurde im Beisein ihrer heute 85-jährigen, in Ungarn lebenden Tochter Alice gelegt.  Auch in Stuttgart-Mitte wurde nun vor dem Haus Olgastraße 61 ein Stolperstein für Emil Markus verlegt.  Der 1887 geborene Kaufmann und Vater von zwei Kindern wurde am 11. Januar 1944 von der Gestapo verhaftet. Zunächst wurde er nach Theresienstadt, dann am 1. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.  Weitere Steine wurden in der Stitzenburgstraße 17 für Max Kahn und Hilde Kahn, geb. Pick, in der Heusteigstraße 17 für Osias Dicker und Selma Dicker, geb. Spindel, am Josef-Hirn-Platz für Isaak Aufrichtig und Fanny Aufrichtig, geb. Vogelhut und in der Eberhardstraße 1 für Julius Baer und Martha Baer, geb. Rohrbacher verlegt.  Die Kosten der Aktionen werden durch Spenden finanziert.  Mit den Stolpersteinen stiften die Spender ein Kleindenkmal, das an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert - zur Mahnung für nachfolgende Generationen.  Die Kosten für das Gießen eines Steines, das Gravieren des Textes und die Verlegung vor Ort betragen 95 Euro.  Alle Arbeiten werden von Gunter Demnig ausgeführt.
Wer Interesse hat und sich an den Aktionen beteiligen möchte, beziehungsweise einen Stein spenden möchte, kann sich an folgende Ansprechpartner wenden:  für Stuttgart-Süd geben Werner Schmidt von den Naturfreunden Heslach, Telefon 0711/6 49 18 35 und Pfarrer Frieder Kobler von der Evangelischen Kreuzkirche, Telefon 0711/60 61 88 oder 0711/60 97 94 , Fax 60 97 94 Informationen, für Stuttgart-West geben Uschi Preuthen, Telefon 0711/ 61 12 15 und Petra Metz-Kurth, Telefon 0711/ 65 18 51 Auskunft, im Norden ist Josef Klegraf, Telefon 0711/2 26 46 94 Ansprechpartner und in Stuttgart-Mitte kann man Michael Bräunicke, Telefon 0711/24 53 75 und Vera Müller, Telefon 0711/ 9 07 90 77 fragen. cs

29.09.2005 - aktualisiert: 29.09.2005, 10:46 Uhr

StolperKunst belebt Erinnerung

 

Logo StolperKunst

 

...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

http://www.stolperkunst.de

Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

im November erschienen:

Unerwünscht

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Buchcover: "Behandlung empfohlen"

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Publikationen aus dem Stuttgarter Norden

Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

Ingrid Bauz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

Herausgegeben von Martin Ulmer und Martin Ritter

Infos und Bezug

Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

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Verlegt

Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart
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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

Titel Stolpersteinbuch
Das
Stuttgarter
Stolpersteinbuch
 

 

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Ernst Köhler

im August 1940 in Grafeneck ermordet - weil er krank war
weiter

Walter, Hanna, Sofie, Rose, Erich, Auguste, Albert und Werner Levi

die ganze Familie wurde von den Nazis auf erschreckend gründliche Weise vernichtet weiter

Max und Mathilde Henle

Letzter frei gewählter Wohnort:
Hohentwielstrasse 146 B, Stuttgart Süd

Lydia Heilborn und ihre Tochter Gertrud

die Tochter in Grafeneck ermordet, die Mutter in Theresienstadt weiter

Hermine Wertheimer

zwangsevakuiert, deportiert und enteignet weiter