Fritz Jakob, Helene und Hans Erich Rothschild

Die Stuttgarter Unternehmerfamilie Rothschild war aus Sicht der Nazis ein besonders lohnendes Opfer. Fritz Rothschild war Inhaber von Firmen in Maschinenbau und Textilherstellung, zudem besaß die Familie Grundstücke und Immobilien und pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil. Das Rothschildsche Domizil in der Stafflenbergstraße, Anfang des 20. Jahrhunderts in bester Halbhöhenlage als Ensemble aus drei Villen eigens für die Familie errichtet, lässt heute noch den Wohlstand ihrer ersten Bewohner ahnen.

Die NS-Rassen-Ideologie zerstörte diese Existenz. Systematisch verfolgt, entrechtet und von Staats wegen ausgeplündert, flohen Fritz-Jakob und seine Frau Helene im August 1939 nach Paris; ihr Sohn Hans Erich folgte ihnen aus Lausanne, wo er zur Schule gegangen war - teils wegen einer hochkarätigen Bildung (Hans Erich beherrschte sieben Sprachen), teils, um dem antisemitischen Terror in Deutschland zu entkommen. Doch der Krieg erreichte auch die Exilanten: Im Mai 1940 wurden die Rothschilds als deutsche Staatsangehörige im französischen Lager Durs interniert. Hans-Erich, damals 18 Jahre jung, verpflichtete sich zum Dienst in der französischen Fremdenlegion, woraufhin sein Vater aus dem Internierungslager freikam und nach Paris zurückkehrte. Auch Helene schlug sich dorthin durch, nachdem die Deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschiert war.
In Paris waren Helene und Fritz gezwungen, sich im Untergrund zu bewegen; unter deutscher Besetzung drohte ihnen jederzeit Deportation und Tod. Helena und Fritz vegetieren in leer stehenden Büros, notdürftig mit Nahrung versorgt durch heimliche Unterstützer. Helene Rothschild spricht von jahrelangen, schrecklichen Angstvorstellungen.
Diese sollten sich schließlich bewahrheiten. Anfang Mai 1944 wurden die Rothschilds von der Gestapo aufgespürt, dann über Drancy nach Auschwitz deportiert. Am Tag ihrer Ankunft, dem am 25. Mai 1944, wurde Fritz dort ermordet. Seine Frau Helene überlebte. Später hat sie im so genannten Wiedergutmachungsverfahren zu Protokoll gegeben:

"Wir wurden stehend im Viehwagen nach Auschwitz transportiert. Dort wurden wir getrennt. Ich habe meinen Mann niemals wiedergesehen. Ich wurde in einer Arbeitskolonne eingegliedert, von der täglich Menschen abgeholt wurden. Wir waren völlig ungenügend bekleidet, ohne Schuhe und mit unzureichender Ernährung. Ich musste auf Feldern, beim Straßenbau und auf Bauten arbeiten. Misshandlungen waren an der Tagesordnung, einmal wurde mir ein Zahn ausgeschlagen. Wir waren oft stundenlangen Appellen ausgesetzt, bei Regen und Kälte. Ende Dezember 1944 zog ich mir eine Lungenentzündung zu. Ich lag mit hohem Fieber in einer Baracke. Außerdem hatte ich eine Infektion am Bein, die von einer Mitverfolgten aufgeschnitten wurde, sich wieder entzündet und eiterte. Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wurden wir befreit. Am 27. Januar 1945 wog ich 35 Kilo.“

Helene hatte acht Monate Auschwitz durchgemacht. Danach war sie so traumatisiert, dass sie ihren Sohn zunächst nicht wiedererkannte.

Hans-Erich war als Kämpfer der Fremdenlegion in Nordafrika von den Deutschen unter Rommel gefangen genommen und gefoltert worden. Knapp entging er dem Hungertod. Zeitlebens hinkte Hans Erich Rothschild beim Gehen, eine Folge der Misshandlungen.

Nach dem Krieg zeigte die Bundesrepublik den Rothschilds, wie vielen NS-Opfern, das kalte Gesicht einer bürokratischen Maschine. Das ist kaum verwunderlich, denn in vielen Stellen der Verwaltung und des politischen Apparates saßen Parteigänger der NSDAP, und eine antisemitische Grundhaltung war in der Bevölkerung immer noch weit verbreitet.
Nach langwierigen juristischen Verfahren zahlte die BRD schließlich einige Tausend DM und eine Witwenrente.

All dem zum Trotz haben die Rothschilds immer eine große Zuneigung zum Land ihrer Herkunft gepflegt. In den 1950er Jahren kamen sie ein erstes Mal kurz nach Stuttgart. Später machte Hans Erich 30 Jahre lang mit Frau und Tochter alljährlich Campingurlaub bei Rust, wo die Ursprünge ihrer Familie liegen.
1996 erhielt Hans Erich Rothschild in Stuttgart seinen deutschen Pass zurück, und zwar persönlich vom Stuttgarter Ex-OB Manfred Rommel, Sohn des vormaligen Wehrmacht-Generals Rommel.
Hans Erich Rothschild ist 1998 in England gestorben.
2020 nehmen die Witwe von Hans-Erich, Christine Rothschild und ihre gemeinsame Tochter Helga, sowie weitere Familienangehörige an der Verlegung der Stolpersteine für Fritz, Helene und Hans Erich Rothschild teil.

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Recherche:
Jennifer Lauxmann, Andreas Nikakis, Wolfgang Kress, Andreas Langen
Text:
Andreas Langen
September 2020, Stuttgart

Quellen:
Stadtarchiv Stuttgart
Staatsarchiv Ludwigsburg

 

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