Siegfried Hess

Stolperstein am 11. Juli 2018 in der Seestraße an der Tiefgarage ehemals Hausnummer 57

Siegfried Hess

Foto: Staatsarchiv Ludwigsburg F 215 Bü 132

 

Siegfried HESS wurde am 12.11.1900 als 3. Kind der Familie Isaac HESS und seiner Ehefrau Sofie HESS, geb.  LINDAUER in Stuttgart geboren. Seine älteren Geschwister, Ludwig HESS und Erna HESS haben die Shoah überlebt. Der Bruder Ludwig konnte noch nach Australien auswandern, und nahm dort wohl aus Scham einen anglisierten Namen an und nannte sich Lewis HAYES. Seine Schwester, Erna heiratete einen Stuttgarter Ingenieur nicht-jüdischen Glaubens namens SCHRADE und hat in einer sog. Mischehe den Krieg und die Verfolgung in der Eugenstraße 10 überlebt.
Siegfrieds Vater, Isaac HESS, betrieb mehrere Tabakwaren-Geschäfte. Der Vater hatte das Anwesen in der Seestraße 57 bereits in den zwanziger Jahren erstanden. Die Familie hatte es zu Ansehen und Wohlstand gebracht.  

Siegfried besuchte das Reform-Real-Gymnasium in der Hospitalstraße und machte dort das Abitur. Danach fand er als Angestellter in der Tabak-Branche als Verkäufer und später als Vertreter eine Beschäftigung. Er wechselte zwischen 1919 und 1935 mehrmals seine Arbeitsstelle. Siegfried HESS blieb unverheiratet, er wohnte hier, in der Seestraße 57, im Haus seiner Eltern. Der Vater stirbt 1926, die Mutter 1937 beide liegen auf  dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs begraben.

Nach dem Tod seiner Mutter kann Siegfried HESS Haus und Wohnung in der Seestraße 57 nicht länger halten. Es wird am 24. Nov. 1938, also unmittelbar nach der Pogrom-Nacht verkauft. In einer Zeit also, als die Verkaufspreise für jüdische Immobilien des großen Angebots wegen in den Keller gingen  Dies bestätigt auch Siegfried HESS‘ Schwester, sie führt dann in einer eidesstattlichen Erklärung im Zusammenhang der späteren sog. „Wiedergutmachung“ aus, dass dieses Haus weit unter Wert verkauft werden musste. Eine Familie aus Schwäbisch Hall hat es für 95.000 RM erstanden. Es wurde im Juli 1944 durch einen Volltreffer vollständig zerstört.

Die städtischen Adressbücher der Jahre 1933 – 1945 und die Eintragungen in den sog. „Judenlisten“  von 1939 – 1941 weisen aus, welche Schikanen Siegfried HESS als unverheirateter Jude allein auf der Suche nach einer Bleibe ertragen mußte. Nach Auskunft dieser Dokumente hatte er fünf Mal seine Wohnung zu wechseln, für die Gruppe der unverheirateten, jüdischen Personen nichts Ungewöhnliches. Sie wohnten in Untermiete, lebten in engsten Verhältnissen, hatten so gut wie nichts Persönliches, was Ihnen nach solch einer Irrfahrt durch Arbeits- und Wohnungszuweisungen noch verblieben war.

Und auch beruflich folgte eine Demütigung auf die nächste. Eine Kündigung aus seinem erlernten kaufmännischen Beruf erhielt er im Nov 1941 mit der  Begründung: die Firma habe geschäftliche Nachteile durch die Anstellung jüdischer Mitarbeiter. Siegfried HESS schlägt sich durch, Seine Schwester berichtet von Zeiten ohne jegliche Einkünfte und von gelegentlichen kurzfristigen Beschäftigungen. Das Adressbuch 1939 führt ihn als „Maurer“ auf. Eine längere Zeit soll er als unterbezahlter Zwangsarbeiter in einer Zuffenhausener Gipsdielenfabrik beschäftigt gewesen sein. Wir sollten nicht vergessen, eine nicht unbeträchtliche Zahl von arbeitsfähigen jüdischen Bürgern der Stadt  wurde von privater ebenso auch öffentlicher Hand zu Mindestlohn-Bedingungen und wenig ansprechender Arbeit ausgebeutet bevor sie in die Vernichtungslager deportiert wurden.

Das Haus hier in der Seestraße 57 wurde nach Maßgabe der sog. 11. Verordnung an eine Familie aus Heilbronn verkauft. Der Kaufpreis ging auf ein Sperrkonto, von dem nur minimale Beträge von Zeit zu Zeit an die ehemaligen Besitzer ausgezahlt wurden. Das Mobiliar der Wohnung wurde versteigert.

Zunächst als „arbeitsfähig“ eingestuft und ausgenutzt erhielt Siegfried HESS erst relativ spät  am 25. April des Jahres 1942 die Aufforderung, sich zum Abtransport nach Izbica, Distrikt Lublin, einzufinden. Sammelpunkt war die „Ländliche Gaststätte“ im Killesbergpark, (für lange Zeit nach dem Krieg bekannt als das ‚Variete’ – 2003 wurde sie eingeebnet). Von dort ging es am nächsten Tag zu den Gleisen des Inneren Nordbahnhofs. Selbst die Kosten für die Bahnreise in den Tod hatte jeder Todgeweihte selbst zu tragen. 278 Stuttgarter Juden wurden nach Izbica deportiert, nicht eine Person kam zurück. Ihrer aller Schicksal liegt weitgehend im Dunkeln. Bekannt ist nur: Izbica war Durchgangsstation in die Todeslager Majdanek, Trostinec, Treblinka. Wo Siegfried Hess ermordet wurde, wissen wir nicht. Amtlicherseits wurde er mit dem Datum 8. Mai 1945 für tot erklärt. Der Stolperstein hier in der Seestraße wird weiter an ihn erinnern.

Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord in der Geschichtswerkstatt S-Nord e.V.
Ansprechpartner für diese Verlegung:  Jupp Klegraf, Wartbergstraße 30, 70191 Stuttgart, Tel. 0711 226 46 94, jupp@klegraf.net
Spenden(steuerlich absetzbar!) erbeten auf das Konto der Geschichtswerkstatt S-Nord
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