Ein Stolperstein für Julie Heilbronner 7.4.1865 – 22.9.1942

... verlegt am 15. November 2018 in der Hölderlinstraße 35 von Gunter Demnig

Julie Heilbronners Vorfahren, ihre Heirat, Kinder und Kindeskinder

Julie HeilbronnerJulie Heilbronner wurde am 7. April 1865  als Tochter des Lebensmittel- und Getreidegroßhändlers Nathan Jakob Homburger (1825-1901) und seiner Frau Babette Rebekka (einer geborenen Baer), in Karlsruhe geboren. Sie wuchs zusammen mit vier Schwestern und einem Bruder auf.

Am 21. Mai1886 heiratete sie in Karlsruhe den am 21. August 1852 in Buttenwiesen/ Bayern geborenen Kaufmann und Bankier Isaak Heilbronner. Dessen Vater war von 1839 bis1889
Lehrer an der jüdischen Schule in Buttenwiesen gewesen und starb 1906 als Bürger von Stuttgart. Seine Mutter Rosalie Heilbronner war eine geborene Ehrlich. Isaak Heilbronner ist im Stuttgarter Adressbuch als Mitarbeiter der Bank seines Onkels Josef Heilbronner zu finden und 1892 als Inhaber dieser Bank in der Büchsenstr.8.

Julie und Isaak Heilbronner wohnten in Stuttgart bis 1898 in der Weimarstr.35 und zogen von dort aus in die Hermannstr.14. Ihre erste Tochter Rosalie (genannt nach ihrer Großmutter väterlicherseits?) wurde am 24.März 1887 noch in der Weimarstraße geboren. Sohn Edgar Jakob, geboren am 19. Juli 1890 und die zweite Tochter Charlotte, geboren am 1. Januar 1899, kamen in der Hermannstraße zur Welt.

Am 16. November 1906 starb Julies Ehemann Isaac Heilbronner im Alter von 54 Jahren - im gleichen Jahr wie sein Vater. Sein gut erhaltener Grabstein befindet sich noch heute auf dem Jüdischen Friedhof im Stuttgarter Pragfriedhof. Julie Heilbronner blieb auch nach dem Tod ihres Mannes bis 1933 in der Hermannstraße wohnen.

Tochter Rosalie (genannt Rose) heiratete am 4. September 1908 in Stuttgart den in Berlin am 23. September 1876 geborenen Kaufmann Ludwig Georg Meyer. Er betrieb in Stuttgart als Hoflieferant ein renommiertes Aussteuergeschäft in der Kirchstr.16. Sie wohnten seit 1909 in der Hölderlinstr. 35, ihre Tochter Hilde wurde dort am 14. Juli 1909 geboren.

Sohn Edgar Jakob heiratete am 9. März 1922 Anna Rothschild, geboren am 6. Februar 1894 in Cannstatt. Ihre Eltern waren Adolf und Lina Rothschild geb. Kallmann. Anna hatte 1913 am Mädchengymnasium Cannstatt das Abitur bestanden, Edgar Jakob 1908 am Karlsgymnasium in Stuttgart. Beide studierten nach dem Abitur Medizin. Nach seinen Stellen als Assistenzarzt am Krankenhaus Cannstatt und als niedergelassener Arzt für Chirurgie und Orthopädie in der Schlossstr.12, eröffnete Edgar Jakob zusammen mit seiner Frau Am Kräherwald 203 eine Praxis. Sie hatten drei Kinder: Lore Heilbronner (geboren 1923, gestorben 1937 im Alter von nur 14 Jahren 1937 an einem Gehirntumor), Gerhard Heilbronner (geboren am 2. September 1926) und Hans Isaak Heilbronner (geboren am 11. März 1931).

Tochter Charlotte heiratete am 30. Juni 1922 in Hanau Karl Schwabe, der dort in der
Hammerstraße ein Textil- und Möbelgeschäft führte. Ihnen wurde 1924 ein Sohn: Willi
Schwabe und am 1932 die Tochter Eva Ruth geboren.

30. Januar 1933: Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Demütigung, Entrechtung, Beraubung jüdischer Mitbürger

Seit März 1933 erließ der Deutsche Staat unzählige Gesetze, die nach und nach zum Entzug aller Bürgerrechte und zur Ermordung von Millionen Juden im Dritten Reich führten.

Am 1.April 1933 Boykott jüdischer Geschäfte, am 22. April 1933 Entzug der Kassenzulassung für jüdische Ärzte. Ab 1935 war der Zutritt zu Kinos, Schwimmbädern, Parkanlagen und Gaststätten für Juden verboten. Am 15. September 1935 führten die Nürnberger Gesetze zur vollständigen wirtschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Juden  hatten keine Bürgerrechte mehr, sie wurden aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Nach der von den Nazis inszenierten Reichspogromnacht  am 9./10. November 1938 verschärfte sich die finanzielle Ausraubung (sog. Sühneleistungen, Judenvermögens-abgabe, Abgabe von Schmuck und Edelmetall). Am 10. November 1938 wurden fast alle männlichen Stuttgarter Juden in einer Massenverhaftungswelle u.a. im „Hotel Silber“ inhaftiert und in das Konzentrationslager Dachau und das Polizeigefängnis Welzheim verschleppt.

Julie Heilbronners Leben und das ihrer Familie wurde unmittelbar und unerbittlich durch die neuen Gesetze der Nationalsozialisten bestimmt.

Ihre Tochter Rosalie Meyer und ihr Mann Ludwig Georg Meyer mussten das Aussteuer-geschäft nach der Pogromnacht von 1938 aufgeben. Ihre Tochter Hilde, verheiratet mit Isaak Gutmann (1906-1974) aus Heidenheim, floh, 29 Jahre alt, mit ihrer 9 Monate alten Tochter Eva Lore 1938 nach Sao Paulo/Brasilien. Ihr Mann, ebenfalls vertrieben, folgte ihnen.

Edgar Jacob Heilbronner (43 Jahre alt) und seine Frau Anna (39 Jahre alt) mussten ihre
Praxis aufgeben. Edgar Jacob floh im August 1933 nach Palästina, Anna kam im November mit ihren Kindern Lore (10 Jahre), Gerhard (7 Jahre) und Hans (2 Jahre) nach.

Auch Julie Heilbronners Tochter Charlotte und ihr Mann Karl Schwabe konnten ihr Textil- und Möbelgeschäft in Hanau nicht weiterführen. Karl Schwabe wurde in Buchenwald inhaftiert. Nach seiner Freilassung wurde das Geschäft arisiert, d.h. es musste zu einem Spottpreis verkauft werden. Charlotte und Karl Schwabe emigrierten 1938 mit ihren Kindern Willi (14 Jahre alt) und Eva Ruth (1 Jahr alt) in die USA nach Philadelphia.

Nur Rosalie und ihr Mann blieben zurück. 1933/ 34 war ihre Mutter von der Hermannstraße aus zu ihnen in die Hölderlinstraße 35 gezogen - vielleicht konnte sie sich, immerhin schon 73 Jahre alt, nicht mehr entschließen, auszuwandern? Und wollte Rosalie sie vielleicht nicht allein zurück lassen? Wie ihre Mutter haben sie und ihr Mann das Dableiben mit dem Tod bezahlt.

Seit dem 1. Januar 1939 war in Julie Heilbronners Pass ein „J“ gestempelt, und sie musste wie alle jüdischen Frauen den zusätzlichen Vornamen Sara tragen – so wie alle männlichen Juden den Zunamen Israel.

Ab 30. April 1939 wurden Juden zwangsweise in sog. Judenhäuser eingewiesen. Damit sollte zu Lasten der Juden Wohnraum für die sogenannte deutschblütige Bevölkerung freigemacht werden. In Stuttgart wurden Juden aus ca. 720 Wohnungen in ca. 120 Wohnungen zu-sammengepfercht. Julie Heilbronner wurde von Tochter und Schwiegersohn getrennt und musste 1941 in das Judenhaus Gerokstraße 17, 1942 in die Werastraße 58 ziehen. Und auch ihre Tochter Rosalie musste mit ihrem Mann 1941 von der Hölderlinstraße in die Adalbert-Stifter Straße 107 ziehen (heute Eduard-Pfeiffer Straße).

Schoah: die Ermordung jüdischer Mitbürger

Julie Heilbronners Tochter Rosalie Meyer wurde zusammen mit ihrem Mann am 25. April 1942 vom Killesberg aus nach Izbica deportiert und dort ermordet Zwei Stolpersteine für sie liegen vor dem Haus Hölderlinstraße 35. (Ihr Bruder Ferdinand Homburger war 1941 in Gurs gestorben, seine Frau und seine Kinder überlebten in den USA und in Israel. Ihre Schwester Auguste war in die USA emigriert.

Julie Heilbronner wurde im Frühjahr 1942 zusammen mit 40 weiteren jüdischen Menschen in das  „Altersheim“ nach Tigerfeld, in ein Gemeindearmenhaus, „verbracht“. Das Dasein der dort eingewiesenen alten Menschen war von unvorstellbarem Leid und Not geprägt, u.a. mussten sie auf der Straße um Essen betteln. Von Tigerfeld aus wurde Julie Heilbronner zurück nach Stuttgart in das Sammellager der Ausstellungshallen Killesberg „verschubt“.

77 Jahre alt, wurde Julie Heilbronner am 22. August 1942 vom Stuttgarter Nordbahnhof aus zusammen mit ca. 1.100 weiteren Opfern nach Theresienstadt deportiert. Vier Wochen später, am 22. September 1942, wurde sie in Maly Trostinec, einer Vernichtungsstätte bei Minsk in Weißrussland, ermordet. Der Transport dorthin umfasste 992 Menschen. Sie wurden am 31. Dezember. 1945 für tot erklärt.

Julie Heilbronners Nachkommen

Alle Nachkommen von Julie Heilbronner konnten mit ihren Familien - bis auf Rosalie und Ludwig Georg Meyer - rechtzeitig fliehen und haben in ihrer neuen Heimat im Kreis ihrer Kinder und Enkelkinder ein neues Leben aufbauen können.

In Sao Paulo/Brasilien
Hilde Gutmann, Rosalie und Ludwig Georg Meyers Tochter, lebte seit 1938 mit ihrem Mann Isaak (Isi) Gutmann und ihrer Tochter Eva Lore (geboren 1937 noch in Stuttgart) in Sao Paulo. Isaak Gutmann starb 1974, der Kontakt mit seiner Frau Hilde ist seit 1986 abgebrochen. Eva Lore Gutmann (Julie Heilbronners Urenkelin) heiratete Jacques de Leew und lebte in den Niederlanden. Details sind Julie Heilbronners Enkeln Abraham Havron (Edgar Jakobs und Anna Heilbronners Sohn Gerhard) und William Schwabe (Charlotte und Karl Schwabes Sohn Willi) nicht mehr bekannt. Sie wissen auch nichts mehr über das Leben von Hilde Gutmann.

In Israel
Julie Heilbronners Sohn Dr. Edgar Jakob Heilbronner emigrierte 1933 mit seiner Familie nach Jerusalem. Er widmete sein Leben als Arzt einer Klinik für behinderte Kinder (Alyn) und der Bekämpfung der Kinderlähmung. Er starb 1967, seine Frau Anna 7 Jahre später. Edgar
Jakobs und Annas erster Sohn Gerhard (also ein Enkel Julie Heilbronners und noch in Stuttgart geboren), heute mit hebräischem Namen Abraham Havron, lebt mit 92 Jahren als Mitbegründer im Kibbuz Be`ri. Er hat uns viele Daten über seine Familie mitgeteilt. Er und seine Frau Rina haben vier Kinder und zahlreiche Enkelkinder. Abraham Havron wird mit einem seiner Söhne, mit seiner Tochter und mit drei Enkelkindern (Julie Heilbronners Ururenkeln) zur Verlegung des Stolpersteins nach Stuttgart kommen.

Ihr zweiter Sohn Hans Isaak, jetzt mit hebräischem Namen Chanan Havron, war ein erfolgreicher Architekt und lebte als Mitbegründer im Kibbuz Reìm. Er starb am 19. Februar 2000,
seine Frau Ilana lebt heute noch dort. Zwei Söhne und eine Tochter wurden in Chanon und Ilanas Ehe geboren, einer der Söhne und die Tochter haben Kinder – auch sie Ururenkel von Julie Heilbronner.

In den USA
Nach der Emigration 1938 nach Philadelphia arbeiteten Karl Schwabe als Klaviertechniker und Charlotte Schwabe als Klavierlehrerin. Karl Schwabe ist 1967, Charlotte 1986 gestorben. Ihr Sohn Willi (William) lebt mit 94 Jahren in Pennsylvania und hat im Krankenhausmanagement gearbeitet. Er hat einen Sohn und Enkelkinder und hat dankenswerter Weise viele Details über die Familie von Julie Heilbronner mitgeteilt. Ihre Tochter Eva Ruth ist eine bekannte Malerin und Kunsttherapeutin geworden, sie ist 2016 gestorben.

Quellen: Staatsarchiv Ludwigsburg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Reutlingen

Die Deportationen aus Stuttgart „im Rahmen der gesamteuropäischen Entjudung“ sind ausführlich in einer Broschüre der Geschichtswerkstatt Stuttgart Nord dargestellt: „Der Killesberg unterm Hakenkreuz“, Stuttgart 2012.

Gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden Württemberg

Initiativkreis „Stolpersteine für Stuttgart-Nord“  
Recherche und Ansprechpartner für diese Verlegung:
Ute Ghosh Am Kräherwald 93, 70192 Stuttgart, Tel. 0711 / 28438659,
uteghosh@t-online.de

Spenden für den Initiativkreis herzlich erbeten auf das Konto
DE85 6005 0101 0002 5170 34

 

StolperKunst belebt Erinnerung

 

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...ein Projekt der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen gegen Geschichtsvergessenheit!

 

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Warum Stolpersteine?

Für Hannelore Levi und ihre Eltern Berta und Ernst, letztere 1942 in Riga ermordet, wurden im Herbst 2017 Stolpersteine in Stuttgart verlegt. Pip McCosh (*1965, Neuseeland), Tochter von Hannelore Levi (*1928, Stuttgart,  gest. 2012, Neuseeland) schrieb am 22. Januar 2018 eine e-mail, die anschaulich zeigt, dass Stolpersteine ihre Schleifen bis ins Hier und Jetzt ziehen...

 

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in der Reihe TÜBINGER JUDAISTISCHE STUDIEN erschienen:

Briefe zur JÜDISCHEN EHEVERMITTLUNG 1911-1921

 

Info von Rainer Redies

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Unerwünscht

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Else-Kahn-Broschüre Broschüre über „Else Kahn, geb. Jeselsohn. Nachgetragene Würde – nachgetragene Liebe. Eine Lebensgeschichte“

 

Broschüre „Der Killesberg unterm Hakenkreuz"
 

 

Broschüre JudenladenDer Stuttgarter "Judenladen": Ein fast vergessenes Stück Stuttgarter Stadtgeschichte
 

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Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern

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Das jüdische Zwangsaltenheim in Eschenau und seine Bewohner

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Aus dem KZ Theresienstadt: "Was mich aufrecht erhielt, war die Post ..."

Postkarten aus Theresienstadt von Gertrud Nast-Kolb an ihre Tochter Ilse in Stuttgart (1944-1945)

Was mich aufrecht erhielt, war die Post... Titelblatt

 

heraus-gegeben von Margot Weiß

 

 

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heraugegeben von Elke Martin

 

 

 

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Neu aufgelegt: Spuren vergessener Nachbarn

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