DREI STOLPERSTEINE FÜR ANGEHÖRIGE DER FAMILIE ROTHSCHILD

Aron Rothschild, Jg. 1869,
deportiert 1942 nach Theresienstadt
ermordet in Treblinka
Königstr. 19 B

Riekchen Rothschild geb. Weinthal, Jg. 1878,
deportiert 1942 nach Izbica, ermordet
Rotebühlstr. 106

Otto Rothschild, Jg. 1880,
deportiert 1941 nach Riga, ermordet
Leuschnerstr. 9 A
(die tatsächliche Verlegung des Steins musste wegen Bautätigkeit vor Ort auf später verschoben werden)

   Der Viehhändler Löb Rothschild und seine Frau Hannchen siedelten kurz nach Ende des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 aus Gemmingen im Kraichgau kommend mit vier Kindern nach Cannstatt über. In den folgenden Jahren kamen weitere zehn Kinder dazu. Ein Bruder und eine ganze Reihe weiterer Verwandter zogen ebenfalls nach Cannstatt.
Der Zusammenhalt der Familie lässt sich lange Zeit deutlich an den Adressbüchern ablesen. Nach dem Tod des Vaters in Gemmingen zog auch Mutter Babette zu den Söhnen und Enkeln  nach Cannstatt in die Seelbergstrasse 20.

   Von Löbs Kindern blieb der 4. Sohn Emil, der erste gebürtige Cannstatter, am längsten dem Vieh- und Pferdehandel treu. Erst 1928, vier Jahre nach seiner Verheiratung mit Riekchen Weinthal erfolgt der Umzug von Cannstatt in die Reinsburgstraße, wo er als „Kaufmann, Zigarrenhandel“ mit Telefon firmiert. Er selbst ist bei der Eheschließung 51, die Braut 46 Jahre alt. Sie entstammt einer angesehenen,  kinderreichen Kaufmannsfamilie aus Norden in Ostfriesland.
   Ab 1934 lautet die Adresse Rotebühlstraße 106 A. Über ihr Leben, das sicherlich von den Schikanen der Nazis geprägt war, bis zum Tod von Emil 1939 haben wir keine Kenntnis. Riekchen blieb zunächst dort wohnen, musste aber ab 1940, da laut Naziverordnung Juden nur noch in „jüdischen“ Häusern wohnen durften, zuerst nach Degerloch, dann in die Gerokstraße 17, und schließlich in das „Judendorf“ Haigerloch umziehen. Am 26. April 1942 musste sie von dort über den Killesberg nach Izbica, wo keiner der Deportierten überlebte.

   Von Aron, dem drittältesten Bruder, und von Otto, der 11 Jahre jünger war, haben wir nur wenige Lebensdaten. In Cannstatt sind beide nach 1900 noch kurze Zeit als Viehhändler im Adressbuch. Danach ist beider Beruf „Kaufmann“, wir wissen jedoch nicht, welche Tätigkeit sie ausübten. Beide blieben ledig.
   Arons Aufenthalt ist viele Jahre unbekannt, bis er ab 1916 in der Paulinenstraße in Stuttgart wieder auftaucht. Ganz kurzzeitig, von August 1918 bis Januar 1919, war er laut Passakten in Mannheim, wo als Vermieter die Branntweinfabrik Weil und Mannheimer angegeben ist.
   1920 ist Arons Adresse die Sophienstraße 28, wo schon seit längerem eine Frau namens Pauline Klink wohnte, die dort ein „Institut für Schönheitspflege“ betrieb. Bis 1936, auch über den Umzug in die Königstraße 19 B hinweg, wohnen beide auf derselben Etage und haben die gleiche Telefonnummer. Könnte die Verbindung mit Arons Schwestern zusammenhängen, die ebenfalls in der Modebranche tätig waren?  Nach 1936 trennen sich ihre Wege, Pauline ist nicht mehr im Adressbuch.
   Nach kurzem Aufenthalt in der Kronenstraße muss Aron 1939 in die Reinsburgstraße 107 umziehen, ein Haus in jüdischem Besitz, das völlig überfüllt ist. Zusammen mit seiner Schwester Sara wird er nach Buchau ins „Altersheim“ abgeschoben. Am 22. August 1942 werden die Geschwister über den  Killesberg nach Theresienstadt deportiert, von wo aus Aron nach Treblinka weiterverschleppt und ermordet wurde.
 
   Otto hat fast noch weniger Spuren hinterlassen als Aron. Lange Zeit wohnte er mit Mutter und Schwestern in Cannstatt. Ab 1922 zieht er nach Stuttgart, zwischendurch ein paar Jahre nach  Frankfurt a/M, wie aus einem Passantrag hervorgeht, anschließend von 1929 bis 1933 in die Sophienstraße. Ab 1934 bis 1937 wohnte er in der damaligen Kasernenstraße, jetzt Leuschnerstraße, Nr. 9A. In einem Dokument aus Dachau, wohin er mit tausenden anderen in der Pogromnacht 1938 verschleppt wurde, steht als Adresse die Rotebühlstraße 1A.
   Seine letzte Adresse ist die Augustenstraße 39A, ein „Judenhaus“. Das Schicksal von zwei Mitbewohnern deutet darauf hin, dass Otto tatsächlich, wovon die Familie in den USA immer ausging, am 1. Dezember 1941 mit über tausend weiteren Württembergern nach Riga deportiert wurde. Beide Mitbewohner waren in der Deportationsliste der Nazibürokraten aufgeführt, während Otto wohl „vergessen“ wurde, da ein gleichnamiger Stuttgarter schon in der Liste für Riga erfasst worden war.
In Riga wurden sie alle ermordet.

Nachtrag:
Josef, der älteste Bruder, starb 1924. Seine drei Söhne und ihre Mutter entkamen nach Brasilien, USA und Palästina.
Die Schwestern Bertha und Helene emigrierten mit dem jüngsten
Bruder Sali und seiner Familie in die USA.

Für Sara Rothschild, die am 3. Oktober 1942 in Theresienstadt starb, sowie für ihre Tochter Lucie mit Ehemann Benno Bieringer liegen Steine in der Taubenheimstraße 35 in Cannstatt, bzw. in der Arminstr. 11 in Stuttgart.

Die jüngste Schwester Thekla und ihr Mann Hugo Michel versuchten von Bad Kreuznach aus sich über Frankreich vor den Nazis zu retten. Beide, ebenso wie Hugos Tochter aus erster Ehe Johanna, verh. Krzesny, wurden in Auschwitz ermordet.

Recherche und Text: Susanne Bouché
Kontakt: susebouche@t-online.de
Initiativkreis Stolpersteine für Stuttgart-Nord e.V.


 

 

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